In der Tradition „männlicher Opferwilligkeit“ stehen

Die Kreissynode des evangelischen Kirchenkreises Bochum kam am 12. November 1913 zu ihren jährlichen Verhandlungen zusammen. Zu Ende ging das Jahr, in dem man in Deutschland der „Völkerschlacht bei Leipzig“ (16. bis 19. Oktober 1813) und des Sieges über Napoleon gedachte. In den deutschen Staaten wurde der 18. Oktober lange Zeit als Beginn einer Wiedergeburt gefeiert, das Geschehen dabei patriotisch und national zunehmend überhöht. Zum einhundertsten Jahrestag 1913 stellte man in Leipzig das 91 Meter hohe Völkerschlachtdenkmal baulich fertig.

Der Bochumer Superintendent und Präses der Provinzialsynode, D. Friedrich König aus Witten, eröffnete die Kreissynodalverhandlungen 1913 mit seinem Jahresbericht. Ein Dreivierteljahr vor dem Kriegsbeginn konnte er sich offenkundig keine Vorstellung davon machen, welches Maß an „männlicher Opferwilligkeit“ und an tatsächlichen Opfern in Kürze in den „Kämpfen der Gegenwart“ verlangt und gezollt werden würde. Die „christliche Wiederaufrichtung unsers Volkslebens“ postulierte der Superintendent 1913 auf dem falschen Wertekanon, wie nicht erst „das 2014 lebende Geschlecht“ tragisch erkennen würde. Friedrich König selbst, 1835 in Witten geborener Sohn des damaligen Bochumer Superintendenten, sollte nur noch den Beginn des Ersten Weltkriegs miterleben – er verstarb am 10. Oktober 1914.

KS-BO_1913

Die nationale Erinnerungsfeier hat das kirchliche Leben unserer Gemeinden im laufenden Jahre vielseitig bestimmt. Das 2014 lebende Geschlecht wird beim Nachforschen in den Gemeinden und Synodalberichten von heute davon ein Zeugnis gewinnen. Ob man das Urteil fällen wird, daß wir, die Erben der großen Vergangenheit, uns auch als die Erben der männlichen Opferwilligkeit jener Zeit erwiesen haben, das wird die Frage sein, von deren Bejahung oder Verneinung die Hoffnung auf eine christlichen Wiederaufrichtung unsers Volkslebens abhängt. Von dem Bewußtsein sind wir alle erfüllt, daß nicht die begeistersten Verherrlichungen der Vergangenheit, auch nicht die gerechtesten Zurückweisungen pietätloser, den religiösen Trieben fremd gewordener Betrachtungsweisen uns noch eine Hilfe bringen können, sondern allein die durch Gottes Geist wiederzugewinnende Opferwilligkeit, welche bereit ist, alles einzusetzen. Gewinnt die evangelische Kirche diese Kraft nicht in den viel tiefergehenden Kämpfen der Gegenwart wie in der Zeit unserer Väter, dann wird unsere viele Arbeit und unsere emsigste Tätigkeit unzureichend und unzulänglich bleiben.

Auszug aus dem Jahresbericht von Superintendent D. Friedrich König am 12.11.1913 auf der Kreissynode Bochum

 

Signatur: Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen 4.244/191

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