Auflösung von Erziehungsanstalten

Rund 6.500 Kinder und Jugendliche lebten 1914 in Westfalen und Lippe in Einrichtungen der Fürsorgeerziehung. Damit war ein vorläufiger Höchststand erreicht, nachdem das 1900 verabschiedete Preußische Fürsorgeerziehungsgesetz, das auch eine vorbeugende Anordnung der Zwangserziehung erlaubte, zu einem kontinuierlichen Anstieg der Zahlen geführt hatte. Innerhalb weniger Jahre hatte sich die Zahl der Kinder und Jugendlichen in Fürsorgeerziehung mehr als verzehnfacht. Nun legte der Landeshauptmann noch kurz vor dem eigentlichen Mobilmachungsbefehl den Fürsorgeerziehungsanstalten nahe, ihren Betrieb einzustellen. Das hier konkret angeschriebene Rettungshaus Schildesche folgte dem Vorschlag des Landeshauptmanns nicht, sondern entwickelte stattdessen einen Katalog von Maßnahmen, wie der Alltag weitergeführt werden konnte. Die Zahlen sprechen dafür, dass viele andere Anstalten ebenfalls so verfuhren. Im Verlauf des Krieges stieg der Zahl der jungen Menschen in Erziehungsanstalten noch weiter an.

rettungshaus_1914

Rundschreiben des Landeshauptmanns vom 1. August 1914 Der Landeshauptmann der Provinz Westfalen, Wilhelm Hammerschmidt, schickte dieses Rundschreiben am 1. August 1914 an die westfälischen Fürsorgeerziehungsanstalten. Dazu gehörte auch das Rettungshaus Schildesche bei Bielefeld.

Transkription:

Der Landeshauptmann der Provinz Westfalen

Münster, den 1. August 1914
Va. Tageb. Nr. 4763

Mit Rücksicht darauf, dass im Falle der Mobilmachung infolge Eintritts des Erzieherpersonals zum Heeres- oder Krankendienst in vielen Anstalten ein geordneter Anstaltsbetrieb sich doch nicht aufrechterhalten lässt, will ich die Anstalten hiermit ermächtigen, nach ihrem Ermessen den Anstaltsbetrieb einzustellen und die Zöglinge zu entlassen. Soweit zwecks Einbringung der Ernte von dem eigenen oder benachbarten Grundbesitz oder aus sonstigen triftigen Gründen die Zurückhaltung eines Teils angebracht erscheint, will ich mich auch damit einverstanden erklären.
Den zu entlassenden Zöglingen ist in einem mitzugebenden Entlassungsschein die Verpflichtung aufzuerlegen, sich unverzüglich nach einer geeigneten Arbeitsgelegenheit umzusehen und die Anstalt über ihren Aufenthalt dauernd unterrichtet zu halten. Es ist ihnen anzudrohen, dass sie im Falle der Zuwiderhandlung gegen dieses Gebot, sowie bei schlechter Führung überhaupt die Überführung in eine geschlossene Anstalt zu erwarten haben.
Die Anordnung weitergehender Maßnahmen muss ich mir vorbehalten.
Von den getroffenen Maßnahmen bitte ich mich in Kenntnis zu setzen.
I. V.

(Bärbel Thau, Archiv des Ev. Johanneswerks)

Signatur: Archiv des Ev. Johanneswerks, Re/Schild – 8

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