Tagebuch Hermann Bornemann, 13.8.1914

Paderborn, den 13. August 1914
4 ½ bis 6 ½ Pferdepflege und Stalldienst. 7 Uhr alles feldmarschmäßig auf dem Parkplatz. Dort wurde bekannt gegeben, daß wir heute Nachmittag in zwei Transporten verladen würden. Unt[ero]ff[i]z[ier] Landwehr, Weinberg und ich ließen uns dann noch bei Ophofen [?] zu Pferde fotografieren. Auch bewirteten uns unsere Quartierleute noch tadellos. 3 Uhr stand die Kol[onne] feldmarschmäßig am Bahnhof zum Verladen bereit. Um 7 Uhr war [Seite 8] der erste Transport verladen. Diesen führte der K[omman]d[eu]r selbst. Auch ich fuhr damit im Wagen des Transportführers. 8:15 Abfahrt; am Bahnhof standen viele Leute, welche uns zuwinkten und Rauchmaterial verteilten. In Geseke gab es schon wieder Butterbrote, in Lippstadt eine Stunde Aufenthalt; es gab warmes Essen. Viele junge Mädchen waren am Bahnhof, einige junge Kameraden schäkerten mit denselben und trieben allerhand Unsinn. Weiter über Hamm nach Dortmund, um 2 Uhr Nachts sind wir hier. Kurzer Aufenthalt. Es gibt Wurst, Kaffee und Brot. Ein Riesenbetrieb allerorts.

Quelle: Tagebuch von Hermann Bornemann (Herford). Privatbesitz. Leihgabe an das Gemeindearchiv Herzebrock-Clarholz.

Feldpost Rudolf Kisker, 13.8.1914

kisker_lille_191410

Rudolf Kisker im Oktober 1914 in Lille

Biwak-Lager Seny. 13./8.

Liebe Eltern!

Ich will versuchen heute einen ausführlichen Bericht aufzusetzen der hoffentlich in Euere Hände gelangt. In Münster hatte ich am 2./8 vor der Ausreise viel Last und Lauferei mit der Zusammenstellung der Bagage und dem Einfahren der Pferde. Es gelang mir aber alles bis zur Abfahrt 8 Uhr in Ordnung zu bringen. Der Zug brachte uns über Oberhausen u.s.w. Köln – Weywertz bei Elsenborn wo wir am 3./8. 10 Uhr morgens eintrafen. Nach Entladung gings nach Dorf Elsenborn zum Ortsquartier wo ich gut im Bett schlief. Am 4/8 ging es bei strömendem Regen früh um 5 Uhr los in der Richtung auf Lüttich (Marsch Malmedy – Spa – Theux – Louveigne). Wir kamen mit unseren uneingefahrenen Pferden aber nicht weit da das bergige Gelände uns viel Schwierigkeiten machte. Wir mussten dauernd um- und vorspannen. Nachts um 1 Uhr am 5/8 blieben wir an einem steilen Berge auf der Strasse liegen. Infanterie u.s.w. sperrte auch den Weg. Bei Tagesanbruch ging es weiter Es wurden alle erreichbaren Belgier auf Weiden und aus Ställen geholt und so ging es besser. Wir erreichten die Truppen bei Louveigne wo wir den Tag lagen und futterten. Abends ging es weiter bis Hornay.

SN852036

Ausschnitt aus der „Carte Routière de la Belgique“ (1911) mit handschriftlichen Marschverläufen von Rudolf Kisker (1914)

Diese Nacht zum 6/8 war schrecklich die Bagage ging zum Teil verloren. Ich erreichte aber das Regiment. Die übrigen auch einige Esk[adrons] gerieten in Fallen der Einwohner die Nachts 9 Uhr alle Lichter löschten und aus Häusern Büschen usw. feuerten. Natürlich entstand ein furchtbares Durcheinander aus dem aber Alles herauskam ohne erhebliche Verluste zu erleiden. Unser Dorf war ruhig. Wir wurden aber doch um 2 Uhr alarmiert. Die Reg. rückten vor um in allen Dörfern aufzuräumen wurden aber stark beschossen. Nun begann ein furchtbares Morden u. Brennen ganze Dörfer wurden angesteckt – zerschossen die Männer in den Häusern verbrannt oder beim Erscheinen in den Türen erschossen. Was gefangen wurde kam sofort vor ein Standgericht u. so wurden etwa 50 Männer erschossen. Abends war am Himmel der Schein der brennenden Dörfer u. Häuser Allen ein Trost für die erlittenen meuchlerischen Überfälle. Die Dörfer waren fast ganz verlassen. Die Nacht lagen wir im Biwak bei Sendrogne wo ich gut schlief. Morgens 7/8 ging es früh los wir marschierten wieder über Louveigne im Bogen zurück um mit der Tête wieder vor L. liegen zu bleiben. So lagen wir bis 8 Uhr Abends. Truppen von Lüttich zogen durch und das Dorf L. war gepfropft voll Menschen. Die Bagage solle zum Schluss in der Richtung auf Theux folgen. Ich hatte in das Dorf gerade die Nachricht gebracht, dass alles fertig sei als plötzlich ein mörderliches Geschiesse der Einwohner begann. Alles flüchtete und ich wurde von Art[illerie] mitgerissen. Die gefangenen Bewohner wurden unter den Kanonen u. den Pferden totgetreten und gefahren. Nur langsam liess das Schiessen nach. Die Kugeln pfiffen uns über die Köpfe. Ein eigenartiges Gefühl. Als ich durch das Dorf zurückritt war es schon ruhiger geworden. Unter grossen Schwierigkeiten zogen wir in der Nacht zum 8/8 auf Theux zurück. Das Strafgericht über die Bewohner konnte an dem Abend nur halb vollendet werden. Es brannten 8-10 Häuser. In Theux war ein furchtbares Durcheinander , die Nacht war schlecht. Truppen über Truppen in den Strassen. All die Tage dazu strömender Regen. Der 8./8 brachte Sonne. Es ging wieder vor auf Livrogne das inzwischen von Pionieren u.s.w. gesprengt und zerstört war. Die Bewohner alle gefangen. Wir zogen die Nacht zum 9/8 ins Biwak bei Sprimont mussten aber wegen Überfallsfurcht schon um 12 Uhr unter Unordnung verlassen mussten. Die Nacht wieder Landstrasse. Früh morgens 9/8 ging es wieder ins Lager bei Sprimont von wo aus wir Mittags über Awaylle [Aywaille] u.s.w. bis Hamoir rückten (Landstrasse). Nachts am 10/8 gings nach Ouffet wo wir die Division im Lager trafen. Mittags gings von dort über Hody gegen Lüttich vor, doch mussten wir wieder zurück da wir sonst in das Feuer der beiden Lütticher Forts gekommen wären die noch nicht genommen sind. (Nacht zum 11/8 Landstrasse westlich Hody) [Zusammenstoß mit Intendantursekretär]. Am 11/8 morgens rückten wir zur Division ins Lager bei Hody. Dort am 11/8 Ruhetag [frische Wäsche. Eimerbad]. Am 12/8 gings dann nach hier [auf dem Wege Freih. v. Thüma (Freiherr von Thüna evtl. gemeint) Notlandung]. Die Maas ist sehr stark feindl[ich] be[setzt]. Wir warten auf schwere Art. und Infanterie um dann einen entscheidenden Schlag zu führen. Die Leute sind hier friedlich. Lebensmittel für Pferde und Mannschaften knapp. Das Herumliegen hinter der Armee ist totlangweilig. Gestern erfreuten uns die Nachrichten aus Mühlhausen. Die Bagage der 8ten Hus[aren] führt V[ize]W[achtmeister] d[er] Res[erve] Sieveke aus Herford. Den dicken Delius habe ich noch nicht gesehen auch nicht gehört. Heute Ruhe im Lager. Bei einer Sendung bitte ich um Gamaschen Schuhe (starke Sohlen Leder stark) Anschnallsporen. In der 9. Kav. Div. haben wir bisher etwa 60 Mann mit Offiz[ieren] Verluste.
Eben erfahre ich beim Futterholen im Nachbarort Fraiture dass dieser Bericht im geschlossenen Umschlag abgehen darf.

Herzl[iche] Grüsse vom Pferde aus Fraiture
Euer Sohn Rudolf

Signatur: Privatarchiv Familie Kisker, Nr. 189: Feldpostbrief von Rudolf Kisker an seine Eltern in Bielefeld

Feldpost Rudolf Kisker, 13.8.1914

Seny. 13./8.

L[iebe] Eltern.

Wir ziehen wartend und vorbereitend durch die Landschaft. Kommisbrodt [Kommissbrot] und Wurst ist unsere Hauptnahrung. Gestern hatten wir sogar warmes Essen, und eine Matratze als Nachtlager. Wein gibt es in Hülle und Fülle. Heute wieder Rast im Biwak. Ein grosser engl. Park muss seine schönen Rasenflächen lassen. Möge der Krieg unser Land verschonen. Man sieht und erlebt Bilder die man nicht vergisst. Uns geht es ja bei knapper Kost immer noch sehr gut. Die Einwohner aber müssen alles hergeben die Brunnen geben kein Wasser mehr u. Brodt ist nicht für Geld zu haben. Ich habe mein Koppel bisher noch nicht enger schnallen brauchen. Die Nachrichten aus dem Elsass haben uns erfreut. Wir werden hoffentlich bald gleiches oder Besseres erleben.

Herzl. Rudolf.

Abs: K.R. 4 9. K. Div. Kriegsschauplatz

Signatur: Privatarchiv Familie Kisker, Nr. 189: Feldpostkarte mit Poststempel 9. Kavalleriedivision, 13.8.