Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Hartmann (Rödinghausen), 30.9.1914

sept-30Sandmanns haben an einem Tage 15 Postsachen aus Ostpreußen mit einem Male bekommen. Wir haben seit [dem] 19/9 keine Nachricht von Roland. Es kommt ein Brief von ihm vom ? an die Lahder Geschwister. Ernst Baumanns Bruder hat das Eiserne Kreuz. Im Bielefelder Lazarett sollen Soldaten mit ausgestochenen Augen liegen. Niemand mag es ihnen sagen, daß unter der Binde kein Auge mehr ist.

Martens Tochter bringt Brief an Bruder auf Wangeroog[e] zur Aufschrift. Ich füge Gruß hinzu. Brief an Storks, es hat sich telegrafisch bestätigt, daß Wilhelm Stork im Lazarett gestorben ist. Auch Heinr[ich] Hanna soll gefallen sein. Frau Rieso da. Der Amtmann hat geraten: Keine Trauerfeier für Gefallene vor Eingang amtl[icher] Meldung. Dann kann es vielleicht noch lange dauern. –

Kriegsbetstunde: „Es fällt kein Haar von eurem Haupte ohne Euren himmlichen Vater“. Sehr wenig besucht z.T. wegen der Kartoffelernte. 16 M[ark] Collekte. Es können Packete durch die immobile Etappen Commandantur I in Hannover ins Feld an bestimmte Personen abgesandt werden. Vorstandsvers[ammlung] auf der Wehme. „Der Gott, der Eisen wachsen lies“. Satzungen

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Ernst Hartmann, Kirchengemeinde Rödinghausen, S. 16f./30.09.1914

Signatur: LkA EKvW Best. 4.31 Abt. B HS 2 (Quelle); LkA EKvW W 15193 (Transkription)

„Bethels Kriegsdienst“, Bote von Bethel Nr. 79 (1914)

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„Bethels Kriegsdienst“. Auszug aus dem „Boten von Bethel“, Herbst 1914.

Das Mitteilungsblatt „Bote von Bethel“ informierte vierteljährlich die Öffentlichkeit und vor allem die Spender über Bethel. Der Autor dieser Ausgabe ist ein Mitarbeiter Bethels, der Name ist jedoch unbekannt. Der erste Artikel nimmt Bezug auf das Mobilmachungsplakat. Im Text wird die Kriegsbegeisterung deutlich. Genau formuliert werden die Erwartungen, die an die Menschen mit und ohne Behinderung gerichtet werden.

Signatur: Hauptarchiv der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, Bote von Bethel Nr. 79, 1914

Heimatbrief Nr. 2 von Pfarrer Johannes Meyersieck (Oetinghausen), 28.9.1914

Brief Nr. 2
Oetinghausen, den 28. September 1914

Liebe Kameraden!

Drei Wochen sind vergangen, seitdem ich den ersten Gruß aus der Heimatkirche Euch sandte. Es dauerte erst eine Zeitlang, bis ich alle Adressen einigermaßen vollständig hatte, so hat sich für manche der Gruß verspätet. Von nun ab sollt Ihr ihn nach Möglichkeit alle 14 Tage erhalten, zumal nach allem, was man hört, an Feldpredigern draußen Mangel ist. Und ich glaube, wenn Ihr es bisher noch nicht wußtet, jetzt wißt Ihr, was ein Brief aus der Heimat wert ist.
Herrliche Erfolge [Meyersieck erinnert hier offensichtlich an die deutschen Erfolge der ersten sechs Kriegswochen, darunter insbesondere die Abwehr der französischen Offensive gegen Elsaß und Lothringen, die Besetzung von Lüttich, Brüssel und Antwerpen, den Vormarsch bis Paris sowie vor allem die Schlacht bei Tannenberg] habt Ihr z[um] Teil gesehen, aber auch ungeheure Strapazen ertragen u[nd] harte Entbehrungen durchgemacht u[nd] bei dem allen viel Grauenhaftes und Furchtbares erlebt. Da wird nicht nur Euer Körper nach Ruhe und Stärkung, sondern auch die Seele oftmals nach Erfrischung lechzen. Wie wohl tut in solchen Augenblicken ein Gruß von Euren Lieben, ein klein wenig Heimatluft. Hoffentlich habt Ihr inzwischen alle mehr wie eine Nachricht von Hause erhalten, so werdet Ihr wissen, wie es da aussieht, und habt vielleicht auch das eine oder andere aus der Gemeinde erfahren.
Bisher hat Gott gnädig seine Hand über die Kämpfer aus unseren beiden Gemeinden gehalten. Von fast 120 Vaterlandsverteidigern sind, wie wir wissen, bis jetzt noch keine gefallen, freilich etwa schon 10-12 verwundet, doch zumeist leicht. Einer von ihnen ist gestern schon wieder zur Front abgerückt. Aus Hiddenhausen ist Hauptmann v. Consbruch [Oscar v. Consbruch, gefallen am 28. August 1914] und Lehrer Decius [Carl Decius, gefallen am 24. August 1914] gefallen, auch unser Amtmann [dem „Amt Herford-Hiddenhausen“ stand von 1896 bis 1922 Amtmann v.d. Schulenburg vor] hat einen Sohn, einen Freund des Prinzen Joachim [Prinz Joachim v. Preußen, geb. am 17. Dezember 1890, Sohn von Kaiser Wilhelm II.], verloren. Wer von Euch noch verwundet werden sollte, dem wünsche ich, daß er dasselbe Glück hat, wie es 3 Verwundete unter Euch schon gehabt haben, daß Ihr in eins der in Herford errichteten Lazarette oder in das von den Gemeinden unseres Amtes ausgerüstete Vereinslazarett in Schweicheln überführt werdet. [Schon gleich nach Kriegsbeginn waren mehrere große Lazarette, von Zivilärzten mit betreut, in der Stadt Herford und in unmittelbarer Nähe eingerichtet worden. Sie konnten etwa 500 Verwundete aufnehmen. „Tausende von (…) Soldaten aus ganz Deutschland fanden hier durch sechs Jahre hindurch (…) ihre Gesundheit wieder.“ (Rainer Pape, Sancta Herfordia, Herford 1979, S. 281 f.). Das hier erwähnte befand sich im sog. „Eickhof“ in Schweicheln, einem ehemaligen Gutshof, der erst 1910 von Bethel übernommen und zum Waisenkinderheim umgebaut worden war. Als diakonische Einrichtung besteht der Eickhof noch heute.]
Schönes Wetter hat uns der liebe Gott in den letzten Wochen geschenkt. Wir freuen uns dessen für die Kartoffelernte u[nd] die Landbestellung – denkt Ihr wohl daran, daß wir am Sonntag d[as] Erntedankfest feiern? – aber auch für Euch, dürfen wir noch eher hoffen, daß Ihr trocken kämpfen dürft. Freilich in den Nächten wirds schon schlimm kalt sein u[nd] mit jedem Tage kälter werden, aber damit Ihr Euch gegen die Kälte schützen könnt, arbeiten an jedem Dienstag Abend ca. 80 Frauen und Jungfrauen, um neben der Versorgung der Verwundeten Strümpfe, Leibbinden, Pulsund Ohrenwärmer für die Kämpfer da draußen herzustellen.
(Die Lippinghauser sind noch fleißiger und kommen auch Freitags noch zu diesem Zweck zusammen).
Aber nicht wahr, neben diesen leiblichen Bedürfnissen, neben den Nachrichten aus d[er] irdisch[en] Heimat habt Ihr noch anderes nötig, 1 Gruß aus d[er] himmlischen Heimat. Mein Bruder, der in der Schlacht bei Tannenberg leicht verwundet wurde [Schlacht bei Tannenberg vom 26. bis 31. August 1914; die Generäle Hindenburg und Ludendorff zerschlugen mit ihren Truppen die Zweite Russische Armee in Ostpreußen], jetzt aber wieder im Felde steht, schrieb mir vor 14 Tagen, als er gehört hatte, daß ich mich zum Feldprediger gemeldet hätte (ich bin aber abgewiesen):
„Du kannst in dieser Stellung dem Vaterland direkt 1 unglaublich großen Dienst tun, denn als Unteroff[i]z[ier], denn der Soldat, d[er] mit Gottvertrauen i[ns] Feld geht, ist auch i[m] Feuer mehr wert als ohne dasselbe. Dazu kommt die verrohende Wirkung d[es] Krieges, der mit allen Mitteln entgegengewirkt werd[en] muß, wenn wir uns[er] Schild rein bewahren wollen. D[er] Krieg bringt viele edle Eigenschaften: Kameradschaft usw. zur Entfaltung, das ist erhebend, aber bei weitem mehr wird doch d[as] Tier i[m] Menschen genährt, wenn nicht Gottes Wort seine Kraft übt“;
dem werdet Ihr gewiß auch aus eigener Erfahrung zustimmen können und darum auch diesmal gern nach Blättern greifen, die ich Euch sende u[nd] die sich nicht an das Tier im Menschen, sondern an das Ebenbild Gottes in Euch wenden.

Euer Heimatpastor Meyersieck.

Quelle: Feldpostbriefe von Pastor Johannes Meyersieck aus Oetinghausen.

Lit.: Ulrich Rottschäfer (Hg.): „Wir denken an Euch“. Feldpostbriefe eines ravensbergischen „Heimatpastors“ im Ersten Weltkrieg, Bielefeld 2011.

Signatur: LkA EKvW 4.53 (Archiv der Ev. Kg. Hiddenhausen), Nr. 958

Aus dem Tagebuch von Hedwig Stegemann, Herford, 28.9.1914

Drei Wochen ist es nun schon her, daß zum letzten Male die Siegesglocken läuteten. Eine bange Zeit! Wie viel Blut in dieser zeit wohl geflossen ist. Vor Paris findet nämlich ein starkes Ringen statt. Ich glaube, es ist der letzte Verzweiflungskampf der Franzosen. Nur dies noch überwinden, dann ist der eine Feind wenigstens überwunden, wenn er auch noch keinen Frieden machen kann. Wie mancher Deutscher Held hat sich schon auf dem Felde der Ehre opfern müssen für das Vaterland. Fast jeden Tage stehen Todesanzeigen gefallener Krieger in der Zeitung. Leutnant der Res[erve] Kallmeyer, Angenete, Huchzermeyer, dann Mühler, Decius, Husemann, Stackenbürger, Leutnant Lücken und von der Schulenburg und noch mehrere andere Herforder sind schon gefallen.

Gestern feierten wir Mutters Geburtstag. Frau Ahlersmeyer mit Dora waren bei uns und Frau Beißert. Herr Dieterle war von Minden auf Urlaub hier. Abends brachten wir ihn zum Bahnhof und gingen dann noch mit Ahlersmeyers bis zum Renntor.

Gestern war es ein Jahr, seit ich vor Rhöndorf abfuhr, was hat sich doch in der Zeit alles ereignet! Es ist aber doch auch herrlich, in solch einer großen Zeit zu leben!
Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!

Quelle: Das Tagebuch der Hedwig Stegemann aus Herford im Ersten Weltkrieg (1.1.1914-10.5.1918)

Signatur: Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Slg. E 521 (Transkription C. Laue)

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Hartmann (Rödinghausen), 27.9.1914

Das Ev[an]g[e]l[ium] des Sonntags „Der Jüngling zu Nain“ gab Gelegenheit zu predigen über den Satz: Es ist mit dem Tode nicht alles aus. Das ist eine ernste Mahnung für uns & uns[ere] Söhne im Felde, das Leben zu suchen. Das ist ein gewaltiger Trost für die, welche in Christo das Leben gefunden haben.

Kriegsbetstunde nachmittags mäßig besucht verbunden mit Missionsstunde: Was hat die Mission mit dem Kriege zu tun? (Brief v[on] Fr[iedrich] v. Bod[elschwingh] Rückkehr von der Ausreise nach Afrika). Coll[ekte] am Morgen für die Ostpreußen 72 M[ark] Coll[ekte], am Nachm[ittag] f[ür] Mission 36 M[ark].

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Ernst Hartmann, Kirchengemeinde Rödinghausen, S. 16/27.09.1914

Signatur: LkA EKvW Best. 4.31 Abt. B HS 2 (Quelle); LkA EKvW W 15193 (Transkription)

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Hartmann (Rödinghausen), 26.9.1914

Menke hier, der einen Verwundeten v[om] 18/9. im Lazarett in Lübbecke besucht hat (Rüter aus Börningh[ausen]. Streifschuß über die Brust) die Truppen sind voll Zuversicht. Der Landwehrmann Schröder aus Schw[eicheln] läßt ein Kind anschreiben. Freitag rückt er mit 55ern ins Feld. –

Einige Liebesgaben. –

Herm[ann] Haake schreibt von Zossen, wo ein Armeekorps zusammengestellt wird. Telegramm: Wollsachen absenden 1/10 [1. Oktober 1914] Liebesgabenzug.

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Ernst Hartmann, Kirchengemeinde Rödinghausen, S. 16/26.09.1914

Signatur: LkA EKvW Best. 4.31 Abt. B HS 2 (Quelle); LkA EKvW W 15193 (Transkription)

Warten auf Verwundete am Betheleck, 25. September 1914

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Otto Zähler fotografierte Gelegenheiten und Situationen ohne große Arrangements. Im September 1915 erwartete die örtliche Feuerwehr am Betheleck in Bielefeld-Gadderbaum das Eintreffen von Verwundeten von der Westfront (Foto: Otto Zähler).

(Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld)

Signatur: Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Sammlung Militärgeschichte, Nr. 299

Lit.: Jochen Rath, Der Kriegssommer 1914 in Bielefeld – Otto Zählers „Illustrierte Kriegschronik eines Daheimgebliebenen“, in: Ravensberger Blätter 2011, Heft 1, S. 1-17

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Hartmann (Rödinghausen), 24.9.1914

Vorm[ittags] in Dono bei Nordsiek. 2 Söhne im Felde! Bei Stork’s & Marten (Sohn auf Wangeroog[e]). –

Comm[itee] bei Peitzmann. „Franz hat Glück gehabt: wenn Ersatztruppen ausgesucht werden, war er auf Wache“. Unsere Söhne denken anders. Brief von [Sohn] Roland aus seinem Quartier bei „Herrn“ Friedolin Heßler in Frohnstetten. –

Auch Heinr[ich] Graeper ist am Heuberg, ebenso Wüllner aus Dono. –

Post: Bestätigung & Näheres über die Vernichtung der 3 engl[ischen] Kreuzer durch U9 K[a]p[i]t[än]l[eutnan]t Otto Weddigen [aus] Herford. Abends Görgs bei uns, die morgen nach Minden wollen.

Besatzung des U-Bootes U 9

Bundesarchiv Bild 183-R35451, Besatzung des U-Bootes U9 im Jahr 1914 (ca.): v.l. liegend Maschinistenmaat Mertz, Bootsmannsmaat Heer, Maschinistenmaat Reichardt. 1. Reihe: Matrose Stellmacher, Obersteuermann Traebert, Oberheizer Schuschke. Erster Offizier Spiess, Kapitänleutnant Otto Weddigen (Kommandant), Marineingenieur Schön, Bootsmannsmaat Schoppe, Obermaschinist Heinemann, Oberheizer Eisenblätter. 2. Reihe: Matrose Geist, Heizer Schober, Funkenheizer Sievers, Matrose Schenker, Obermaschinenanwärter Wollenberg, Heizer Vollstedt, Heizer Karbe, Matrose Rosemann, Obermaschinenmaat Hinrichs, Heizer Köster, Heizer Lied. 3. Reihe: Matrose Schulz, Obermaschinenmaat Marlow, Obermaschinistenanwärter v. Koslowski. [CC-BY-SA-3.0-de]

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Ernst Hartmann, Kirchengemeinde Rödinghausen, S. 16/24.09.1914

Signatur: LkA EKvW Best. 4.31 Abt. B HS 2 (Quelle); LkA EKvW W 15193 (Transkription)

Wirtschaftsförderung im Krieg – Militär als Standortvorteil, 23.9.1914

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Transkription:

Schulvorstand in Lemgo

Schreiben, anderweitige Verwendung der Knabenschule an der Echternstraße betreffend

Abschrift für die Akten

Lemgo, den 23. September 1914

Die Fürstliche Regierung hat vor kurzem die Anfrage an den hiesigen Magistrat gerichtet, ob die Stadt in der Lage und bereit wäre, ein Haus zur Hineinlegung einer Unteroffizierschule zur Verfügung zu stellen. Nachdem der Magistrat in zusagendem Sinne geantwortet hatte, hat vor einigen Tagen ein Regierungsrat aus Detmold im Beisein des Lemgoer Oberbürgermeisters sämtliche in Frage kommenden Gebäude besichtigt und erklärt, am besten eigne sich für den Zweck ohne Frage die Knabenschule an der Echternstraße. Der Schulvorstand hat darauf am Sonnabend v[origer] W[oche] eine außerordentliche Sitzung abgehalten und einstimmig beschlossen, die Knabenschule für die Dauer des Krieges zu den genannten Zwecke zur Verfügung zu stellen. Zugleich das Lehrerkollegium beauftragt, über die anderweitige Unterbringung der betreffenden Klassen zu beraten. Das ist inzwischen geschehen, so daß wir folgendes mitteilen können: An der Bürgerschule sind zur Zeit zehn Lehrer tätig, welche, wie Fürstlichem Konsistorium bekannt ist, die vorhandenen 14 Klassen so unterrichten, daß 4 Klassen zu zweien zusammengelegt sind, während 2 weitere Klassen vertreten werden und die übrigen ihren eigenen Lehrer haben. Die Einrichtung hat sich bewährt, und die Lehrer Wendiggensen und Sauerländer haben erklärt, daß sie, falls fürstliches Konsistorium damit einverstanden ist, bereit sind, auch im Winter-Halbjahr die III. und IV. Klassen wieder zu vereinigen, da jede Klasse zusammen nur etwa 100 Schüler hat. […] Die 10 Lehrer können nun sämtlich in der Neuen Mädchenschule untergebracht werden, da außer den 8 vorhandenen Schulräumen der Zeichen- und Physiksaal als Klassenzimmer mit benutzt werden können. Solle, was wir nicht glauben, noch ein Raum nötig sein, dann würde uns ohne Frage der Schulvorstand von St. Johann-West sein eines für die Dauer des Krieges freistehendes Schulzimmer zur Benutzung überlassen. Wir bringen ja allerdings eine große Zahl von Klassen und Kindern in einem Schulhause und auf einem Schulhofe zusammen, aber der Zustand ist ja nur vorübergehend, und dann handelt es sich einmal um das deutsche Vaterland, und zum andern gewinnen wir vielleicht für unsere Vaterstadt die Unteroffizierschule als dauernde Einrichtung; denn wir glauben auch, annehmen zu dürfen, daß Militärbehörde und Regierung der Stadt die Schule auch nach dem Kriege lassen werden. Wir bitten nun fürstliches Konsistorium, unserem gefasten Beschlusse beizutreten und die geplante Einrichtung gutzuheißen zum Segen des Vaterlandes und der Stadt Lemgo.

Der Schulvorstand

An fürstliches Konsistorium in Detmold

Dies ist die Abschrift eines Schreibens des Schulvorstandes der Bürgerschule in Lemgo an das fürstliche Konsistorium in Detmold über die Einrichtung einer Unteroffizierschule im Schulgebäude an der Echternstraße in Lemgo. Die Hoffnungen der Lehrer auf eine längerfristige Ansiedlung einer Unteroffizierschule bewahrheiteten sich allerdings nicht. In der Stadtverordnetenversammlung vom 26. Oktober 1914 (vgl. StL A 503) wurde bereits vermerkt, dass die Unteroffizierschule endgültig nach Münster kommen sollte. Stattdessen bildete man eine Kommission aus Stadtverordneten und dem Magistrat. Die Kommission sollte sich um die Einquartierung von Militär nach Lemgo kümmern. Unterstützung fand dieses Vorhaben auch erneut durch die Lehrerschaft der Bürgerschule, die in einer Schulvorstandssitzung vom 3. November 1914 wieder die Unterbringung, zumindest eines Teiles der Soldaten, in der Knabenschule in der Echternstraße ab dem 15. November ins Spiel brachte. Die Lehrer erklärten, „im Interesse des Vaterlandes und der Bürgerschaft, die dadurch von einer Einquartierung befreit werden würde“ (StL A 2256 188r. u. vgl. 189r) zu handeln. Die Schule sollte nach dem Gebrauch durch das Militär wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt werden. Dies machte der Schulvorstand zur Bedingung für eine Zusage.

In der am 30.11.1914 stattgefundenen Stadtverordnetenversammlung ging Oberbürgermeister Höland in einer längeren Rede auf die bevorstehende Einquartierung ein und forderte die Bürgerschaft auf, größtes Entgegenkommen bei der Einquartierung zu zeigen, damit Lemgo in Zukunft dauerhaft Garnisonsstadt werden könne (vgl. StL A 503). Lemgo wurde Standort des II. Ersatz-Bataillons Infanterie Regiment 67 (kurz II/67). (Für das Folgende vgl. StL S 462 Standortchronik der Heeresstandortverwaltung Lemgo, mit Aufzeichnungen zur Geschichte der Garnison Lemgo) Zum 1. Dezember 1914 kamen zwei Kompanien des Ersatzdepots 67 nach Lemgo. Das Bataillon bestand aus 4 Kompagnien und einer später aufgestellten Verwundetenkompagnie. Offensichtlich reichten die Kapazitäten der Bürgerschule an der Echternstraße nicht aus, die kompletten Militäreinheiten aufzunehmen, wie die Lehrerschaft gehofft hatte, so dass man wieder auf Privatquartiere ausweichen musste. Dies war bereits in den Jahrhunderten zuvor geschehen, wenn Militär nach Lemgo verlegt werden sollte. Die Verwundetenkompagnie wurde im Schützenhaus untergebracht, die Küche mit der Küchenverwaltung in der Bürgerschule Echternstraße, der Stab und die Zahlmeisterei mit Bekleidungskammer im sog. Waisenhaus, ein weiterer Standort der Lemgoer Bürgerschule, und die Hauptwache des Bataillons im sog. Ballhaus am Marktplatz. Der Schützenplatz am Schützenhaus diente als Exerzierplatz und der Biesterberg wurde für Geländeübungen genutzt. In der früheren alten Töchterschule (vermutlich das Süsterhaus, heute Stadtarchiv) sollen sich Arrestzellen befunden haben. Das Bataillon pachtete etwa 22ha Ackerland an, das von den Soldaten in Eigenregie bewirtschaftet wurde. Die Offiziere speisten gemeinsam im Hotel Losch. Im Stadtbild zeigten sich die Soldaten bei Geländeübungen oder bei Vereidigungen auf dem Lemgoer Marktplatz.

In der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung vom 14. Dezember 1914 wurde die Notwendigkeit begründet, Stadtpläne zu beschaffen, da diese von Soldaten der Garnison benötigt würden. Zum 22. April 1915 sollten dann weitere 778 Soldaten nach Lemgo verlegt werden. Die Gesamtstärke der Garnison betrug damit insgesamt 1878 Mann. Die Hoffnung, eine Garnison dauerhaft in Lemgo zu behalten, gab man in Lemgo offensichtlich noch nicht auf. In der Stadtverordnetenversammlung vom 16. Juni 1915 stellte der Stadtverordnetenvorsteher den Antrag, der Magistrat solle über diese Frage mit dem Preußischen Kriegsministerium verhandeln. Das Ergebnis muss jedoch negativ gewesen sein, denn am 23. November 1917 teilte der Bürgermeister, inzwischen Franz Möller, den Stadtverordneten mit, dass das Bataillon aufgelöst werden würde. Seine Bemühungen um den Erhalt des Garnisonsstandortes seien vergeblich gewesen. Über die Abschiedsfeier und die dabei gehaltenen Reden ist eine Abschrift aus den 1940er Jahren erhalten (vgl. hier Blatt 1, Blatt 2, Blatt 3, Blatt 4 der Abschrift). Der ursprüngliche Zeitungsartikel erschien am 2. Januar 1918 in der Lippischen Post. Der Kommandeur ging dabei auf die Rekrutenausbildung und die besonders guten Beziehungen zur Stadt und ihren Bürgern ein. Zum Abschied wurde ein Denkmal in Erinnerung an das Bataillon in Lemgo aufgestellt. Das Denkmal bestand aus vier Findlingsblöcken, die vom ehemaligen Exerzierplatz des Biesterberges heruntergebracht worden sein sollen. In einem der Findlinge ist das Eisenkreuz und darin die Nummer des Bataillons eingetragen.

Erst 1936 sollte Lemgo dann tatsächlich dauerhafter Standort einer Garnison werden, der Artillerie Beobachtungsabteilung B 6 und nach 1945 der britischen Besatzungsstreitkräfte bis 1993.

(Marcel Oeben, Stadtarchiv Lemgo)

Signatur: Stadtarchiv Lemgo, A 2256 186r – 187v. (Transkription); StL A 2256 188r. u. vgl. StL 2256 189r; StL A 503; StL S 462 Standortchronik der Heeresstandortverwaltung Lemgo

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Hartmann (Rödinghausen), 22.9.1914

sept-22Clara schreibt an Roland, ich an Pastor Müller W[ilhelms]hafen.

Nachm[ittags] Konferenz in Bünde. Besprechung der „Jungmannschafts-Ausbildung“ Sonntags & Mittwochs. Auf dem Bahnhofe Leichtverwundete von Reims aus dem 74 R[e]g[imen]t, die nach Wagenfeld fahren.

Keine wesentl[ichen] Fortschritte, auch keine Rückschritte auf dem Kriegsschauplatz.

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Ernst Hartmann, Kirchengemeinde Rödinghausen, S. 15/22.09.1914

Signatur: LkA EKvW Best. 4.31 Abt. B HS 2 (Quelle); LkA EKvW W 15193 (Transkription)

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Hartmann (Rödinghausen), 21.9.1914

sept-21Briefe an Amélie Brink, [Pfarrer Hartmanns Schwester] Lili Lampe, [Hartmanns Neffe, Marineoffizier] Heini Lampe, Enno, Roland. –

Empfangene Feldpostkarten von Ernst Hoffmann aus Epagny und H[einri]ch Grothaus aus Montecause [Montceaux] lès Provins [Frankreich]. 1.500 M[ark] u[nd] zw[ar] 500 M[ark] Kirchensammelgeld, 1.000 M[ark] sonstige Liebesgaben von d[er] Sparkasse abgehoben und an die Münstersche Bank für die Provinzialstelle des Roten Kreuzes abgesandt. –

H[er]r Sundermeier erfährt aus Schweicheln, daß Reims von unseren Truppen geräumt sei. Das legt sich wie ein schmerzlicher Druck aufs Herz. Abends keine neuere Nachricht wenigstens nicht von entschiedenen Fortschritten, von einer Niederlage, Gott sei Dank, auch nicht. HErr Gott hilf! Zum ehrenhaften Frieden! Die Franzosen beten auch wieder. Man muß lernen, sich darüber zu freuen „Wer Vaterland & Heimat mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert“.

Lamkemeyer, Ordonanz bei den 15ern hat geschrieben, daß Arnold Rieso aus dem Dorfe in den schweren Kämpfen bei Reims am 14. Sept[ember 1914] gefallen sei, Schuß durch Hals Brust sogleich tot. Der erste schwere Verlust in der Gemeinde!

Ich gehe nach Tisch zu den Eltern, welche sehr gefaßt sind. Man muß ja auch stündlich damit rechnen. Möchte das edle junge Heldenblut durch Gottes Gnade nicht vergeblich geflossen sein!

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Ernst Hartmann, Kirchengemeinde Rödinghausen, S. 15/21.09.1914

Signatur: LkA EKvW Best. 4.31 Abt. B HS 2 (Quelle); LkA EKvW W 15193 (Transkription)