Der gefallene „hoffnungsvolle“ Sohn. Wie die Herforder „High Society“ um Julius Eick trauerte

HZSL 17 10 1914 Eick Tod A

Todesanzeige Julius Eick

„Auf dem Felde der Ehre blieb der Kaufmann Julius Eick, ein hoffnungsvoller Sohn des hiesigen Fabrikanten Jul. Eick. Möge er ruhen in Frieden!“ stand am 17. Oktober 1914 in der Zeitung. Julius Eick bekam nicht nur eine Todesanzeige der Familie, er wurde auch im redaktionellen Teil gewürdigt. War das eine Ungleichbehandlung noch im Tode? Als Fabrikantensohn war Julius Eick etwas Besonderes. Und er gehörte zu den Toten der ersten Kriegsmonate 1914. Der „gemeine“ Kriegstote erschien meist nur in den fast täglichen Gefallenen- und Vermißtenlisten.

Die Eltern Julius (1859 – 1936) und Meta Eick (1866 – 1945) hatten sicher andere Pläne mit ihrem erstgeborenen Sohn. Julius Eick sen. hatte in Herford nach dem Fabrikversand „von Tuchen, Buckskins und Tricotagen“, der „Herforder Möbel-Fabrik Julius Eick“ (am Bahnhof) und des „Weiß- und Wollwaren“-Geschäfts im Gehrenberg 9 (später Wöller Wolle) schließlich 1906 die „Westfälischen Süssrahm-Margarine-Werke“ an der Werrestraße 67 aufgebaut. Margarine war nach der Erfindung der Fetthärtung durch den Herforder Wilhelm Normann etwas Neues, das große Gewinne versprach. Trotzdem ging die Firma Mitte der 1920er Jahre ein, vielleicht auch weil sich in der Familie kein Nachfolger fand.

Eick Familie Julius Eick ca. 1914 kor 72dpi

Familie Eick, ca. 1914, vlnr: Hans* 1896, Julius jun. 1893, Edith * 1903, Wilhelm * 1899, Mutter Meta * 1866, Vater Julius * 1859, Irma * 1905

Die Familie Eick gehörte zur Haute-Volée der aufstrebenden Industriellen in Herford um die Jahrhundertwende. Man „kannte sich“ und traf sich in verschiedenen Vereinen und Gesellschaften. Das spiegelte sich auch wieder beim Tode des Juniors. Der Tod von Julius Karl Friedrich Eick, am 25. April 1893 geboren als zweites Kind nach Meta Emma Eick wurde erst 1920 standesamtlich eingetragen. Danach war er am 8. September 1914 durch ein Infanteriegeschoß in Schlacht bei Orly gefallen. Todesdatum und –ort wurden mitgeteilt vom Leiter der Kontrollstelle der Restformation des Garde-Schützenbataillons. Eick war dort Schütze der 3. Kompanie und starb mit „21 ½ Jahren“.

Das Garde-Schützen-Bataillon gehörte zu den ersten an die Westfront abrückenden Truppenteilen. Es nahm am Überfall auf Belgien und am Einmarsch in Nordfrankreich teil. Nach einem Gefecht bei Aire an der Aisne am 13. September 1914 waren von ursprünglich 1.250 Mann lediglich 213 nicht verwundet oder gefallen.

Die Familie hatte vor der Todesnachricht längere Zeit auf Nachricht gewartet, kurz vor Kriegsbeginn schrieb Julius noch aus Lichterfelde „in Eile möchte ich Euch mitteilen, daß sich jetzt wohl für uns die Sache entschieden hat… wir erwarten jeden Augenblick den entscheidenden Befehl…“, am 10. August traf aus Bonnal/Luxemburg eine Postkarte ein: „Aus dem schönen Luxemburg sendet beste Grüße Euer Julius. Geht mir sehr gut hoffe dasselbe von Euch, die Fp Adresse Schütze Eick III. Garde- Schützen“.

Weiteres lässt sich aus einem Brief der Mutter vom 30. September 1914 an den jüngeren Bruder Wilhelm, der sich in einem Internat bei Lüdenscheid befand, schließen: „Als Feldpostpäckchen von 250 gr. haben wir Julius schon über 30 [Fotos] gesandt; doch hatte er noch nichts am 2. Sept. bekommen; seine letzte Karte ist vom 4. Sept. seitdem wissen wir nichts mehr von ihm. Wie mir zu Mute ist, kann ich Dir nicht sagen, mein lieber, schöner, blühender Junge, wo ist er – bete, mein Wilhelm, daß der liebe Gott ihn uns erhalten möge.“

In den Herforder Zeitungen fand sich die Todesanzeige am 17. Oktober: „Statt besonderer Anzeige. Am 8. September starb in Frankreich den Tod fürs Vaterland unser innigstgeliebter, hoffnungsvoller Sohn … Garde-Schütze Julius Eick im Alter von 21 Jahren… In tiefer Trauer Familie Julius Eick. Wir bitten von Trauerbesuchen abzusehen.“

Kurz danach trafen die ersten Beileidsbezeugungen im Haus der Familie ein. Üblich war es, mit einer Visitenkarte oder mit bereits vor gedruckten Beileidskarten oder Briefchen (nur mit Namen oder einigen Trostworten) zu kondolieren, die Karten wurden durch Boten oder die Post übermittelt. Auch einige kurze Briefe auf schwarzgeränderten Karten oder ebensolchem Briefpapier trafen ein. Im Nachlass der Familie Eick finden sich zum Tode von Julius jun. alleine 41 dieser Karten und etwa 20 Beileidsbriefe. Die Herforder Absender gehörten fast allesamt zur „besseren“ Gesellschaft.

Beileidskarten 1914 2 72 dpi

Sammlung von Beileidskarten (Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Slg. E 447)

Viele der Trostworte zeigten eine große persönliche Verbundenheit. „Leider ist nun doch diese schreckliche Ungewissheit zur traurigen Wahrheit geworden, dass Sie Ihren guten Sohn auf dem Felde der Ehre verloren haben. Es empfinden tief mit Ihnen die Umstehenden“ steht auf der Rückseite der Visitenkarte von „Herrn und Frau Hermann Elsbach“ Aus der Familie Elsbach kondolierten auch die Tochter Hermanns, Ellie Lipmann aus Hamburg und ihr Bruder Kurt. Weitere Absender von Visitenkarten waren der Kaufmann Bendix Weinberg, der „Hof-Photograph“ Alfred Nürnberger (Hansahaus, Bügelstr. 11), Witwe Margarete Ranzow, die am Alten Markt eine Manufakturwarenhandlung betrieb, Kaufmann Hermann Rehwoldt (Veilchenstr.), Justizrat Hermann Lümkemann und Frau und der „Tabakagent“ Heinrich Cordes und Frau (Bielefelder Str.). Architekt Wilhelm Köster (Kurfürstenstraße) schrieb „In der Zeitung lese ich, daß auch Ihr teurer Sohn im Feindesland gefallen ist“.

Eine inklusive Namen gedruckte Karte „Herzliche Teilnahme an dem Heldentode Ihres unvergesslichen Sohnes“ schickte Kaufmann Wilhelm Kuhlmann, Goebenstraße. Es kondolierten meist mit wenigen Worten und auch im Namen ihrer Ehefrauen unter anderen Gymnasiallehrer Professor Fulda, dessen Tochter Margarete Schulz, geb. Fulda, Kaufmann Richard Heidbreder (Waltgeristr.), der Reisende Franz Müller – dessen Frau notierte „In Kurzem denke ich, wird mein Besuch angenehm sein“ – , Handlungsreisender Otto Prollius, Fabrikant H. Knefelmeyer, Konditor Wilhelm Hansberg, Maschinenbauer August Zurheide (Diebrocker Str.), Eisenwarenhändler Heinrich Krömker (Komturstr.), Architekt Georg Fröhlich (Lübbertorwall), Schneidermeister Carl Stute (Credenstr.), Färbermeister Oscar Münzer (Steinstr.), Möbelfabrikant August Detering (Hermannstr.), Kistenmachermeister Wilhelm Hagemeier (Salzufler Str.), Geschäftsführer Otto Schmalhorst (Karlstr.), Papier- und Schreibwarenhändler Albert Brandes (Bäckerstr.), Fabrikant Albert Dörnte (Bettenfabrik Stiegelmeyer, Annastr.) und Juwelier Julius Weihe (Bäckerstr.).

Mit den Worten „Das erhebende Bewusstsein, dass Ihr Herr Sohn im Kampf für eine große Sache des Vaterlandes fiel, wird allein imstande sein, den tiefen Schmerz über den schweren Verlust allmählich zu lindern,“ versuchte Stadtlandmesser Theodor Höpfner zu trösten.

Besonders ausführlich schrieb der Konkurrent Fritz Schwake von der Margarinefabrik Jursch & Schwake an der Leopoldstr. 1: „Zu dem schweren Verlust, der Sie durch Hinscheiden Ihres lieben Sohns betroffen hat, spreche ich Ihnen und Ihrer werten Familie meine herzlichste Teilnahme aus. – Der Stolz Ihres Hauses hat nun auch für unser geliebtes Vaterland bluten müssen und dieses Bewusstsein wird Ihren Schmerz lindern. – Ich sehe Ihren lieben Sohn noch immer im Geiste vor mir auf seiner Durchfahrt zum Kriegsschauplatz! Mit welcher Begeisterung zog er aus, um unser Vaterland, um uns vor dem Feinde zu schützen! Ihnen noch schnell ein Händedruck u[nd] ein Lob für den braven Jungen aus dem Mundes seines Vorgesetzten und der Zug mit all’ den tapferen Kriegern rollte dahin. –
Wie groß war Ihre u[nd] Ihrer Gattins Freude noch mal den Lieben gesehen zu haben, wie freuten sich die Kinder, ihren Bruder noch einige Liebesgaben überbringen zu dürfen. – Den Tod dieses aufrichtigen, lieben Menschen bedaure ich sehr.“

Gerade diese Äußerung zeigt besonders die Kriegsbegeisterung und den tiefen Glauben an den Sieg in den ersten Kriegsmonaten. Von Tod und Verletzung, Hunger und Not blieb aber in den folgenden Kriegsjahren niemand verschont, aus welcher gesellschaftlichen Schicht er auch stammte.

(Christoph Laue, Stadtarchiv Herford)

Signatur: Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Slg. E 447

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