Wirtschaftsförderung im Krieg – Militär als Standortvorteil, 23.9.1914

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Transkription:

Schulvorstand in Lemgo

Schreiben, anderweitige Verwendung der Knabenschule an der Echternstraße betreffend

Abschrift für die Akten

Lemgo, den 23. September 1914

Die Fürstliche Regierung hat vor kurzem die Anfrage an den hiesigen Magistrat gerichtet, ob die Stadt in der Lage und bereit wäre, ein Haus zur Hineinlegung einer Unteroffizierschule zur Verfügung zu stellen. Nachdem der Magistrat in zusagendem Sinne geantwortet hatte, hat vor einigen Tagen ein Regierungsrat aus Detmold im Beisein des Lemgoer Oberbürgermeisters sämtliche in Frage kommenden Gebäude besichtigt und erklärt, am besten eigne sich für den Zweck ohne Frage die Knabenschule an der Echternstraße. Der Schulvorstand hat darauf am Sonnabend v[origer] W[oche] eine außerordentliche Sitzung abgehalten und einstimmig beschlossen, die Knabenschule für die Dauer des Krieges zu den genannten Zwecke zur Verfügung zu stellen. Zugleich das Lehrerkollegium beauftragt, über die anderweitige Unterbringung der betreffenden Klassen zu beraten. Das ist inzwischen geschehen, so daß wir folgendes mitteilen können: An der Bürgerschule sind zur Zeit zehn Lehrer tätig, welche, wie Fürstlichem Konsistorium bekannt ist, die vorhandenen 14 Klassen so unterrichten, daß 4 Klassen zu zweien zusammengelegt sind, während 2 weitere Klassen vertreten werden und die übrigen ihren eigenen Lehrer haben. Die Einrichtung hat sich bewährt, und die Lehrer Wendiggensen und Sauerländer haben erklärt, daß sie, falls fürstliches Konsistorium damit einverstanden ist, bereit sind, auch im Winter-Halbjahr die III. und IV. Klassen wieder zu vereinigen, da jede Klasse zusammen nur etwa 100 Schüler hat. […] Die 10 Lehrer können nun sämtlich in der Neuen Mädchenschule untergebracht werden, da außer den 8 vorhandenen Schulräumen der Zeichen- und Physiksaal als Klassenzimmer mit benutzt werden können. Solle, was wir nicht glauben, noch ein Raum nötig sein, dann würde uns ohne Frage der Schulvorstand von St. Johann-West sein eines für die Dauer des Krieges freistehendes Schulzimmer zur Benutzung überlassen. Wir bringen ja allerdings eine große Zahl von Klassen und Kindern in einem Schulhause und auf einem Schulhofe zusammen, aber der Zustand ist ja nur vorübergehend, und dann handelt es sich einmal um das deutsche Vaterland, und zum andern gewinnen wir vielleicht für unsere Vaterstadt die Unteroffizierschule als dauernde Einrichtung; denn wir glauben auch, annehmen zu dürfen, daß Militärbehörde und Regierung der Stadt die Schule auch nach dem Kriege lassen werden. Wir bitten nun fürstliches Konsistorium, unserem gefasten Beschlusse beizutreten und die geplante Einrichtung gutzuheißen zum Segen des Vaterlandes und der Stadt Lemgo.

Der Schulvorstand

An fürstliches Konsistorium in Detmold

Dies ist die Abschrift eines Schreibens des Schulvorstandes der Bürgerschule in Lemgo an das fürstliche Konsistorium in Detmold über die Einrichtung einer Unteroffizierschule im Schulgebäude an der Echternstraße in Lemgo. Die Hoffnungen der Lehrer auf eine längerfristige Ansiedlung einer Unteroffizierschule bewahrheiteten sich allerdings nicht. In der Stadtverordnetenversammlung vom 26. Oktober 1914 (vgl. StL A 503) wurde bereits vermerkt, dass die Unteroffizierschule endgültig nach Münster kommen sollte. Stattdessen bildete man eine Kommission aus Stadtverordneten und dem Magistrat. Die Kommission sollte sich um die Einquartierung von Militär nach Lemgo kümmern. Unterstützung fand dieses Vorhaben auch erneut durch die Lehrerschaft der Bürgerschule, die in einer Schulvorstandssitzung vom 3. November 1914 wieder die Unterbringung, zumindest eines Teiles der Soldaten, in der Knabenschule in der Echternstraße ab dem 15. November ins Spiel brachte. Die Lehrer erklärten, „im Interesse des Vaterlandes und der Bürgerschaft, die dadurch von einer Einquartierung befreit werden würde“ (StL A 2256 188r. u. vgl. 189r) zu handeln. Die Schule sollte nach dem Gebrauch durch das Militär wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt werden. Dies machte der Schulvorstand zur Bedingung für eine Zusage.

In der am 30.11.1914 stattgefundenen Stadtverordnetenversammlung ging Oberbürgermeister Höland in einer längeren Rede auf die bevorstehende Einquartierung ein und forderte die Bürgerschaft auf, größtes Entgegenkommen bei der Einquartierung zu zeigen, damit Lemgo in Zukunft dauerhaft Garnisonsstadt werden könne (vgl. StL A 503). Lemgo wurde Standort des II. Ersatz-Bataillons Infanterie Regiment 67 (kurz II/67). (Für das Folgende vgl. StL S 462 Standortchronik der Heeresstandortverwaltung Lemgo, mit Aufzeichnungen zur Geschichte der Garnison Lemgo) Zum 1. Dezember 1914 kamen zwei Kompanien des Ersatzdepots 67 nach Lemgo. Das Bataillon bestand aus 4 Kompagnien und einer später aufgestellten Verwundetenkompagnie. Offensichtlich reichten die Kapazitäten der Bürgerschule an der Echternstraße nicht aus, die kompletten Militäreinheiten aufzunehmen, wie die Lehrerschaft gehofft hatte, so dass man wieder auf Privatquartiere ausweichen musste. Dies war bereits in den Jahrhunderten zuvor geschehen, wenn Militär nach Lemgo verlegt werden sollte. Die Verwundetenkompagnie wurde im Schützenhaus untergebracht, die Küche mit der Küchenverwaltung in der Bürgerschule Echternstraße, der Stab und die Zahlmeisterei mit Bekleidungskammer im sog. Waisenhaus, ein weiterer Standort der Lemgoer Bürgerschule, und die Hauptwache des Bataillons im sog. Ballhaus am Marktplatz. Der Schützenplatz am Schützenhaus diente als Exerzierplatz und der Biesterberg wurde für Geländeübungen genutzt. In der früheren alten Töchterschule (vermutlich das Süsterhaus, heute Stadtarchiv) sollen sich Arrestzellen befunden haben. Das Bataillon pachtete etwa 22ha Ackerland an, das von den Soldaten in Eigenregie bewirtschaftet wurde. Die Offiziere speisten gemeinsam im Hotel Losch. Im Stadtbild zeigten sich die Soldaten bei Geländeübungen oder bei Vereidigungen auf dem Lemgoer Marktplatz.

In der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung vom 14. Dezember 1914 wurde die Notwendigkeit begründet, Stadtpläne zu beschaffen, da diese von Soldaten der Garnison benötigt würden. Zum 22. April 1915 sollten dann weitere 778 Soldaten nach Lemgo verlegt werden. Die Gesamtstärke der Garnison betrug damit insgesamt 1878 Mann. Die Hoffnung, eine Garnison dauerhaft in Lemgo zu behalten, gab man in Lemgo offensichtlich noch nicht auf. In der Stadtverordnetenversammlung vom 16. Juni 1915 stellte der Stadtverordnetenvorsteher den Antrag, der Magistrat solle über diese Frage mit dem Preußischen Kriegsministerium verhandeln. Das Ergebnis muss jedoch negativ gewesen sein, denn am 23. November 1917 teilte der Bürgermeister, inzwischen Franz Möller, den Stadtverordneten mit, dass das Bataillon aufgelöst werden würde. Seine Bemühungen um den Erhalt des Garnisonsstandortes seien vergeblich gewesen. Über die Abschiedsfeier und die dabei gehaltenen Reden ist eine Abschrift aus den 1940er Jahren erhalten (vgl. hier Blatt 1, Blatt 2, Blatt 3, Blatt 4 der Abschrift). Der ursprüngliche Zeitungsartikel erschien am 2. Januar 1918 in der Lippischen Post. Der Kommandeur ging dabei auf die Rekrutenausbildung und die besonders guten Beziehungen zur Stadt und ihren Bürgern ein. Zum Abschied wurde ein Denkmal in Erinnerung an das Bataillon in Lemgo aufgestellt. Das Denkmal bestand aus vier Findlingsblöcken, die vom ehemaligen Exerzierplatz des Biesterberges heruntergebracht worden sein sollen. In einem der Findlinge ist das Eisenkreuz und darin die Nummer des Bataillons eingetragen.

Erst 1936 sollte Lemgo dann tatsächlich dauerhafter Standort einer Garnison werden, der Artillerie Beobachtungsabteilung B 6 und nach 1945 der britischen Besatzungsstreitkräfte bis 1993.

(Marcel Oeben, Stadtarchiv Lemgo)

Signatur: Stadtarchiv Lemgo, A 2256 186r – 187v. (Transkription); StL A 2256 188r. u. vgl. StL 2256 189r; StL A 503; StL S 462 Standortchronik der Heeresstandortverwaltung Lemgo

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