Feldpostbrief von Rudolf Kisker, 13/14.10.1914

bei Fleurbaix 13/10.[19]14 5 1/2Uhr

Liebe Eltern!

Vor einer Stunde war ich auf der Post um eine Karte und M 500 -. an Euch zu senden und einen Brief an Frau Staege abzugeben. Jetzt, nachdem ich erst Tee dann Kakao getrunken habe benutze ich die Dämmerstunde vor Eintreffen des Befehls um Euch noch allerlei zu erzählen.

Aus dem Kohlengebiet sind wir nun glücklich heraus und in eine Gegend gezogen, die ein ähnliches Bild zeigt wie unser ländliches Westfalen. Die Häuser der Ortschaften liegen in der Feldmark zerstreut und das Land ist durch viele Zäune Hecken Gräben u. kleine Buschstücke zerteilt. Für unsere Kavallerie ist dieses Gelände äusserst ungünstig und Patrouillen haben einen schweren Stand. Unsere Regimenter greifen daher auch nur im Fussgefecht an oder liegen eingegraben in Verteidigungsstellungen. Eine schwere Aufgabe für Kavalleristen überlegene Artillerie und starke Infanterie aufzuhalten bis die Ersatztruppe eintrifft. Dieses Spiel treiben wir ja nun seit Wochen und ich bin gespannt, ob es gelingt den Feind zu überflügeln und vom Meere abzuhalten. Vielleicht mit Hülfe unserer in Antwerpen freiwerdenen Kräfte. Da die Regimenter meistens auch des Nachts dicht am Feinde liegen werden fast nur die Lebensmittel u. Futterwagen herangezogen die dann unter Führung des Zahlmeisters abgehen. Ich bleibe dann mit den Packwagen irgendwo an der Strasse in der Nähe eines Hauses liegen. Man muss sehen, dass man für die Nacht ein Dacht über dem Kopfe hat denn es wird jetzt in klaren Nächten emfindlich kalt. Ich habe mich recht gut abgehärtet und werde schon durchhalten.

Meine langen Stiefel habe ich neulich frisch besohlen lassen und komme mir nun wie ein neu beschlagener Gaul vor.

Von Günter Delius kann ich nichts Neues erfahren, da er nach seiner Verletzung in ein bayrisches Lazarett gekommen ist, hoffe dass Ihr mir bald schreiben könnt „es geht ihm besser“.

Es ist jetzt (6 Uhr) schon fast dunkel und wir erwarten jeden Augenblick den Befehl, irgendwohin abzurücken. Meistens haben wir Nachtmärsche, da erst gegen Abend die Entscheidung getroffen wird, vor – zurück – rechts – oder links. Manchmal ist es zum Verzweifeln wenn sich mehrere Bagagen begegnen und auf schmalen Strassen aneinander vorbeifahren müssen. Meine Stimme nimmt dann manchmal einen drohenden Ton an und in ernsten Fällen singt die Reitgerte mit. Besonders wenn wir lange Märsche über Tag haben und dann auch Nachts noch weiter vor müssen, sind die Leute nach einem Halt und wieder Anfahren nur mit Hilfe des Reitstockes wach zu halten. Auf den Pferden im Schritt u. im Trab schläft ein richtiger Kavallerist wie im Himmelbett.

Ich will meine Wünsche betreffs Uniformen hier nochmals wiederholen und vervollständigen.

1. Rock aus Mannschaftstuch so gross u. bequem wie möglich d.h. wenn noch ein guter Rock da ist, so ist er vielleicht weiter zu machen und mit Offizierslitzen u. Achselstücken -Unterlage dunkelblau wie an der Litze- zu versehen. (Litzen für den z. Z. getragenen Rock im Brief.)

2. Mannschaftshose die auf dem Boden im Schranke hängt.

bis auf die Litzen brauche ich die Sachen aber erst nach Verschleiss der z. Z. getragenen auf besonderen Wunsch u. Nachricht.

Ich erwähne nochmals dass Ihr im Falle des Ausbleibens der Post vielleicht bei Frau Siveke in Herford Neustädtische Apotheke Nachricht erhaltet. Siveke ist auch ein eifriger Schreiber. Frau Siveke ist viel in Bielefeld und kommt vielleicht mal zu Mutter zum Kaffee, ich glaube sie ist sehr nett, denn ihr Mann gefällt mir sehr.

 

bei Fleurbaix 14/10

Gestern Abend kam noch Befehl ich sollte sämtliche bei der Bagage überflüssigen Mannschaften zu Fuss in die Front bringen. Ob zur Verstärkung oder zu einem Gefangenentransport war nicht bekannt. Heute Morgen habe ich dann um 4 Uhr meine Leute gesammelt und 149 Mann hoch abgeführt. In der vorderen Linie bei Pont de Ham gab ich alle Leute an die einzelnen Reg[imen]ter ab und führte meine Kür. 21 Mann in die Schützenlinie. Es herrschte eine ziemlich gedrückte Stimmung weil es hiess die Kavallerie müsse sich noch 2 Tage halten. Es war ein ganz nettes Konzert da draussen hin u. her flogen die Granaten u. Schrapnells. Als ich nach 2 Stunden zurück ritt platzen 3 Schrapnells über mir und die Sprengstücke flogen mir wie Mücken um die Ohren ohne mich oder das Pferd zu treffen.

Zur Zeit 12 Uhr bin ich wieder hier bei der Bagage um mich zu stärken.

Die gestern nicht eingetroffene Post ist heute eingetroffen und wird gleich geholt.

Mir geht es sehr gut und ich grüsse Euch herzlichst. Euer Sohn Rudolf

Quelle: Feldpostbrief 70, 13. und 14. Oktober 1914, von Rudolf Kisker

Signatur: Privatarchiv Kisker, Nr. 189

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