Die Kunst des Kochens in Zeiten der Lebensmittelknappheit

Die Lebensmittelknappheit im Ersten Weltkrieg machte sich schon recht früh bemerkbar, nachdem die Hoffnung auf einen kurzen Krieg begraben werden musste, die Ernte aufgrund fehlender Erntehelfer, Zugtiere und Düngemittel viel knapper als gewohnt ausfiel und die britische Seeblockade der Einfuhr von Lebensmitteln ein Ende setzte.

Von staatlicher Seite wurde mit der Festlegung von Höchstpreisen, Zwangsbewirtschaftung und Rationierung mittels Lebensmittelkarten schon früh eingegriffen, um Preistreiberei und dem Schleichhandel vorzubeugen und eine Mindestversorgung der Bevölkerung auch in den armen Schichten der Bevölkerung zu gewährleisten. Auch wurde in den Zeitungen zum sparsamen Haushalten aufgerufen.

Die Frauen an der ‚Heimatfront’ hatten es zu dieser Zeit auf vielen Ebenen schwer. Sie sollten die Männer an der Front ersetzen und unter anderem in den Fabriken mitarbeiten, sich aber auch um den Haushalt und die Kinder kümmern, die wegen häufig ausfallendem Schulunterricht oft zu Hause blieben und sich an wohltätigen Projekten beteiligen wie z. B. dem Stricken von Socken für die Soldaten.

‚Nebenbei’ sollten sie die Versorgung ihrer Familien mit den immer knapper werdenden Nahrungsmitteln besorgen. Dies stellte sich im Laufe des Krieges als zunehmenden schwieriger heraus. Fast alle Nahrungsmittel gab es nach und nach nur noch auf Lebensmittelkarten, die bei den Gemeinden beantragt werden mussten. Eine solche Karte berechtigte zwar zum Kauf bestimmter Lebensmittel, oft musste zum Erwerb aber stundenlang in Warteschlangen an den Verkaufsstellen angestanden werden und wenn die Waren nicht erhältlich waren, gab es statt dessen Ersatzprodukte, die oft einen geringeren Nährwert hatten, so gab es z. B. 1916 häufig Margarine statt Butter.

Als Hilfe kamen schon 1915 spezielle Kriegskochbücher auf den Markt und in Herford gab es sogar Kriegskochkurse, die sich speziell an junge, erwerbstätige Frauen richteten, die lernen wollen, mit dem verminderten Nahrungsangebot nahrhafte, günstige Kost zuzubereiten für die Versorgung ihrer zukünftigen Familien.

HK_1915.02.22_Kriegskochbücher_neu

Bekanntmachung aus dem Herforder Kreisblatt vom 22.02.1915 über den Verkauf von Kriegskochbüchern im Vereinshaus des Vaterländischen Frauenvereins in Herford (Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Zeitungssammlung)

Bekanntmachung aus dem Herforder Kreisblatt vom 22.2.1915 über den Verkauf von Kriegskochbüchern im Vereinshaus des Vaterländischen Frauenvereins in Herford

Kriegskochbücher
werden am Dienstag, den 23. Februar, vor-
mittags von 10 ½ bis 12 ½ Uhr im Ev. Vereins-
haus (Damenzimmer) verkauft. Preis 10 Pfg.
Vaterländiger Frauenverein.
Verein Frauenhülfe.

HK_1915.02.12_Kriegskochkurs_neu

Ankündigung aus dem Herforder Kreisblatt vom 12.02.1915 über einen Abendkurs in Koch- und Haushaltskunde in der Kochschule der Bürgerschule II in Herford (Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Zeitungssammlung)

Ankündigung aus dem Herforder Kreisblatt vom 12.2.1915 über einen Abendkurs in Koch- und Haushaltskunde in der Kochschule der Bürgerschule II in Herford:

Abendkursus
für Koch- und Haushaltskunde.
Zwecke des Kursus
ist die praktische Erlernung einer ganz beschränkten Anzahl Koch-
rezepte für die Zubereitung guter, billiger und kräftiger Kost im kleinen
Haushalt, sowie die Erwerbung der notwendigen Kenntnisse über den
Nährwert, den Einkauf und die Behandlung der marktgängigen Nah-
rungsmittel. Die Erlernung geschieht am Herde selbst.
Kreis der Besucherinnen.
Der Besuch ist allen Mädchen und Frauen gestattet, in
erster Linie aber bestimmt für Mädchen, welche die Eingehung der
Ehe beabsichtigen, aber infolge ihrer Beschäftigung auf der Fabrik
oder in anderer gewerblicher Arbeit in keiner Weise Gelegenheit
haben, die für die vernünftige und wirtschaftlich richtige Haushalts-
führung unbedingt notwendigen praktischen, sowie auch einige theore-
tische Kenntnisse zu erwerben.
Zeit des Kursus.
Anfang 22. Februar, Ende 20. März. 4 Wochen hindurch
sollen jede Woche an 3 Abenden von ½ 8 bis ½ 10 Uhr
die Kurse abgehalten werden, also wöchentlich 6 Stunden, im ganzen
24 Stunden erteilt werden.
Ort und Leitung.
Die mit 6 Herden und allen sonstigen Erfordernissen ausge-
stattete Kochschule der Bürgerschule II Unter den Linden wird
benutzt. Die Leitung übernimmt die hierfür besonders praktisch vor-
gebildete, bewährte Lehrerin für Koch- und Haushaltskunde an
der städtischen Bürgerschule.
Vergütung.
Beansprucht wird die Zahlung einer Gebühr von 3 Mark für
den ganzen Kursus. Jedoch wird dieselbe Frauen und Mädchen, welche zur Zahlung nicht glauben imstande zu sein, auch gern erlassen.
Die Meldungen werden
bis zum 20. Februar auf dem Rathause III, Zimmer Nr. 7, in
den gewöhnlichen Dienststunden entgegengenommen.
Herford, den 10. Febr. 1915.
Der Erste Bürgermeister:
Busse.

Auch wurden in den Zeitungen Rezepte veröffentlicht, wie z.B. im Herforder Kreisblatt vom 7. Dezember 1915 für eine Kartoffeltorte (Abb. 3), da die Kartoffel immer öfter als Ersatz für das von Kriegsbeginn an knapper werdende Mehl Einsatz fand, bis zum Winter 1916/1917 auch die Kartoffeln so knapp wurden, dass sie durch Steckrüben ersetzt werden mussten.

HK_1915.12.07_Rezept_Kartoffeltorte_neu

Rezept aus dem Herforder Kreisblatt vom 07.12.1915 für eine Kartoffel-Torte (Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Zeitungssammlung)

Rezept aus dem Herforder Kreisblatt vom 07.12.1915 für eine Kartoffel-Torte:

Kartoffel-Torte. Zutaten: 1 ¼ Pfund gekochte, geriebene Kar-
toffeln, ½ Pfund Zucker, 6 Eier, 1 Päckchen Reese-Backwunder, 10
Gramm Zimt, 3 Gramm Nelken, etwas Salz. Zubereitung: Zucker
und Eidotter rührt man schaumig, fügt die geriebenen Kartoffeln,
die Gewürze, das Backwunder hinzu und zuletzt das zu steifem
Schnee geschlagene Eiweiß. Den fertigen Teig füllt man in eine gut
gefettete Springform und bäckt die Torte rund 1 ¼ Stunde.

Diese Maßnahmen dienten nicht nur als Hilfestellung für die Frauen, sondern auch zur Beschönigung der Situation, indem gezeigt werden sollte, dass nur geringe Anpassungen nötig sind, um mit etwas weniger Nahrungsmitteln auskommen zu können, und zur Vorbeugung von Unruhen in der Bevölkerung.

Insgesamt wurde die ‚Heimatfront’ auf moralischer Ebene stark in den Krieg einbezogen und ihre Durchhaltekraft und Mithilfe als unerlässlich für den Sieg immer wieder betont. Mit zunehmender Nahrungsmittelknappheit stieg aber die Unzufriedenheit in der Bevölkerung und es kam doch vermehrt zu Unruhen und auch Streiks in Fabriken und Bergwerken. Gebracht hat es in den meisten Fällen allerdings nichts. Insgesamt starben während des Ersten Weltkrieges über 700.000 Menschen an Hunger und den Folgen von Unterernährung.

(Saskia Bruns, Stadtarchiv Herford)

Signatur: Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Zeitungssammlung

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