Theologiestudent Alfred Heinisch an vorderster Front, 1915

Nordwestfront, 31. Dez. 1915

Hochverehrter Herr Pastor Jaeger!
Hochverehrte Frau Pastor!

Nun bin ich auch mit in die vorderste Linie gekommen. Am 2. Weihnachtsfeiertage sind wir abends in den ersten Graben in Stellung gegangen. Ich schlafe in einem sicheren Unterstande, 150 m von den Engländern entfernt. Nachts muß jeder abwechselnd 2 Stunden Wache stehen und ruhen. Des Tags stehen wir oft an den Pumpen. Wir hatten bis jetzt verhältnismäßig trockenes Wetter. Vorgestern schickten die Engländer ein paar dicke Granaten in die Stellungen rechts von uns. Ich stand gerade auf Beobachtungsposten und sah, wie große Splitter ganz in der Nähe bei einem Inder niederfielen, der noch vom letzten Sturm am 25. Sept. dort liegt. In einem nahen Weidengestrüpp wurden die Vögel aufgescheucht. Ein trauriges Bild, dieser kleine Raum zwischen dem unsrigen und dem feindlichen Graben. Besonders wenn die Granaten dicht über den Graben zischen oder in der Nähe rechts und links einschlagen, überkommt mich leicht ein Gefühl der Traurigkeit und Verlassenheit. Doch wir müssen getrost und zuversichtlich bleiben; schon um der anderen willen; denn sie blicken auf uns und sind wir verzagt in der Not des Feuers, so werden sie schwerlich Zutrauen zu unserem Herrn und seiner Kraft fassen.

Herr Missionar Storck schrieb mir zuletzt aus Warschau. Er war traurig, einem Ruf des Herrn nicht gefolgt zu sein. Er sollte mit dem Stab des G[eneral]f[eld]marschalls v.d. Goltz nach der Türkei; hoffe jedoch, daß ihm dieser Weg noch möglich wird. Er würde ihn zweifellos mehr befriedigen als das rauhe, mit der Zeit vielleicht sogar abstumpfende Kriegshandwerk. Ihr schönes Weihnachtspacket habe ich erhalten; vielen Dank dafür, besonders auch für all die freundlichen Grüße und die Schrift von D. Kähler über „den Verkehr mit Christo“, die mich gestärkt und gefördert hat. Im Mangel und in der Not bewährt sich die Kraft des „gütigen Wortes Gottes“. Ich erwidere alle freundlichen Grüße auf das herzlichste und bleibe
Ihr
Alfred Heinisch

7. AK 13. I.D. IR 13. 12. Komp.

Alfred Heinisch, geboren am 27.9.1893, war im Sommersemester 1914 Student an der Theologischen Schule Bethel. Pastor Samuel Jaeger war Rektor der späteren Kirchlichen Hochschule.

Quelle: LkA EKvW Bestand 13.99 (Kirchliche Hochschule Bethel), Nr. 1250/2

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