Fettnot in Herford 1916

Der Erste Weltkrieg dauerte deutlich länger als erwartet. Da durch die Mobilisierung in der Landwirtschaft Arbeiter und Zugtiere für das Einholen der Ernte, aber auch Düngemittel fehlten, wurden die Ernteerträge im Laufe des Krieges immer geringer. Erschwerend kam hinzu, dass durch die britische Seeblockade nicht mehr genug Nahrungs- und Düngemittel importiert werden konnten.

Schnell wurde Brotgetreide knapp und trotz staatlichem Eingriff durch Höchstpreisfestzungen, Zwangsbewirtschaftung und Rationierung, reichte das Getreide schon im Winter 1915/1916 nicht mehr für den täglichen Bedarf aus. Es wurden Brotmarken eingeführt und „K-Brot“ (Kriegsbrot) gebacken, das einen Kartoffelanteil als Ersatzstoff von bis zu 30% enthielt.

Die Kartoffel gewann als Grundnahrungsmittel immer mehr an Bedeutung. Um einer Verknappung entgegenzuwirken wurde im Frühjahr 1915 die Schlachtung von ca. 1/3 des gesamten Schweinebestandes veranlasst, da an diese aufgrund fehlender Futtermittel eine große Menge Kartoffeln verfüttert wurde. Leider verbesserte sich die Kartoffelversorgung der Bevölkerung dadurch aber kaum.

Dafür kam es infolge der nun fehlenden Schweine, die einer der Hauptlieferanten für Fett (Schmalz und Speck) sind, im Laufe des Jahres 1915 zu einer Fettknappheit. In Herford wurden im November 1915 Fettmarken eingeführt.

Abb.1_HK_1915.11.20_Fettabgabe_neu

Zeitungsbericht aus dem Herforder Kreisblatt vom 20.11.1915 über die Abgabe von Fett- und Schmalzvorräten gegen Vorzeigen einer Kaufberechtigungskarte in der Städtischen Verkaufsstelle Bäckerstr. 29 in Herford (Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Zeitungssammlung)

Herford, 20. Nov. Abgabe von Fett durch die
Stadt. Mit der Abgabe von Fett- und Schmalzvorräten wird
die Stadt jetzt wieder beginnen, jedoch erfolgt die Abgabe nur
gegen Vorzeigen einer Kaufberechtigungskarte
die an den einzelnen Tagen der nächsten Woche, lt. der heuti-
gen Bekanntmachung des Magistrats, im Rathaus Holland-
straße in Empfang genommen werden kann. Bei der so ge-
geregelten Abgabe reichen die Bestände für Monate aus, sodaß
jeder Person das ihr zustehende Quantum zuteil wird. Fer-
ner wird aber auch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die
Abgabe in der Verkaufsstelle den ganzen Monat hindurch er-
folgt und somit ein Andrang in den ersten Tagen völlig über-
flüssig ist.

Abb.3_Fettmarke_1WK

Fettmarke aus dem Landkreis Herford mit Gültigkeit vom 01.-07. November 1916 (Kommunalarchiv Herford, Kreisarchiv Herford, Slg. Schulchroniken)

Landkreis Herford.
Fettmarke 4
Nur gültig vom
01.-07. November 1916.

Trotz dieser Rationierungsmaßnahme nahm die Fettknappheit immer mehr zu. Oft war über lange Zeiträume keine Butter erhältlich und für die Fettmarken erhielt man statt dessen Margarine mit einem geringeren Nährwert, dabei reichten die zugeteilten Nahrungsmittel auch so schon kaum zur Deckung des täglichen Kalorienbedarfs. Gab es doch einmal Butter, war der Andrang in der städtischen Verkaufsstelle in der Bäckerstr. 29 in Herford daher verständlicherweise groß (Abb. 4).

Abb.2_HK_1916.04.10_Margarineverkauf_neu

Bekanntmachung aus dem Herforder Kreisblatt vom 10.04.1916 über den Margarineverkauf in der Städtischen Verkaufsstelle Bäckerstr. 29 in Herford (Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Zeitungssammlung)

Bekanntmachung.
In der städt. Verkaufsstelle, Bäckerstr. 29 ist am Diens-
tag und folgende Tage
beste holl. Margarine
das Pfd. zu 2,10 Mk. gegen Abgabe von Fettmarken, zu
haben.
Der Magistrat

Abb.4_Gummich Butterausgabe 1916 Bäckerstraße

Foto vom Margarineverkauf in der Städtischen Verkaufsstelle Bäckerstr. 29 in Herford 1916 (Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Slg. E450)

Insgesamt starben während des Ersten Weltkrieges über 700.000 Menschen an Hunger und den Folgen von Unterernährung.

(Saskia Bruns, Stadtarchiv Herford)

Signatur: Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Zeitungssammlung; Kommunalarchiv Herford, Kreisarchiv Herford, Slg. Schulchroniken; Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Slg. E450

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