SPD-Bezirkssekretär Carl Schreck zur Explosion in einer Detmolder Munitionsfabrik, 1917

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Stadtarchiv Detmold, D 106 Detmold A, Nr. 5157

Schreiben des SPD-Bezirkssekretärs Carl Schreck an das Kriegsministerium aus Anlass einer Explosion in einer Detmolder Munitionsfabrik

Historischer Hintergrund:

Unter dem Eindruck der Materialschlachten an der Westfront wollte die dritte Oberste Heeresleitung mit dem „Hindenburgprogramm“ von 1916 die Rüstungsproduktion beträchtlich steigern. Hindenburg und Ludendorff verlangten vor allem die Verdopplung bis Verdreifachung der Munitionsproduktion. Unter hohem Druck wurden neue Produktionsstätten geschaffen. Im Herbst 1916 eröffneten die Fürstlich-Lippischen Staatswerkstätten. Am Standort Detmold, einer ehemaligen Möbelfabrik, ereignete sich bereits am 31. Mai 1917 eine schwere Explosion, bei der 72 meist jugendliche Beschäftigte ums Leben kamen. Weitere wurden schwer verletzt. Der Unfall war auf unzureichende Sicherheitsvorkehrungen zurückzuführen.

Aufgrund der Militärzensur wurde der Vorfall in der Presse vertuscht. Eine offizielle Opferzahl wurde nie veröffentlicht. Die SPD und die Gewerkschaften drangen auf eine Untersuchung des Vorfalls. Ein gegen den Direktor des Unternehmens angestrengtes strafrechtliches Verfahren wurde Anfang 1919 aufgrund einer Amnestie eingestellt.

(Dr. Bärbel Sunderbrink, Stadtarchiv Detmold)

Literatur: Hansjörg Riechert, Rüstung in Lippe, in: ders. /Andreas Ruppert, Militär und Rüstung in der Region Lippe 1914-1945, Bielefeld 2001, S. 149-160.

Signatur: Stadtarchiv Detmold, D 106 Detmold A, Nr. 5157

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Nottrauung in Detmold, 2.8.1914

Blatt_053

Nottrauung!
Der Zollsekretär Kurt Wilhelm Ferdinand Rudolf Neitzel, Reservist geb. am 23. Januar 1888 zu Hannover, wohnhaft Bünde hat heute die Eheschließung mit der Haustochter Marie Emma Beneke, geb. 28. November 1891 in Detmold der Mobilmachung wegen ohne Aufgebot beantragt.
Die Eheschließung ist sofort vorgenommen .

(Verf[ügung] Fürstl[iche] Reg[ierung] v[om] 3.3.13. No 8356)
Detmold, 2. August 1914
Der Standesbeamte
Bröker.

Historische Einordnung

Viele Menschen klärten in dieser als bedrohlich empfundenen Situation wichtige persönliche Angelegenheiten, überschrieben Immobilien oder regelten ihre Nachlässe. Ein auffälliges Phänomen sind die unmittelbar nach der Mobilmachung einsetzenden „Nottrauungen“. Nachdem der preußische Innenminister am 31. Juli 1914 für Militärpflichtige die Möglichkeit einer Nottrauung bekanntgemacht hatte, verfügte einen Tag später auch die Fürstlich Lippische Regierung die Befreiungen vom Aufgebot für Brautpaare, die von der Mobilmachung betroffen waren. Standesbeamte waren damit befugt, Verlobte ohne weitere Formalitäten zu trauen. In Detmold nutzten zahlreiche Soldaten und ihre Bräute spontan diese Möglichkeit. Die erste Nottrauung eines Reservisten fand am Sonntag, 2. August statt, bis zum 11. August folgten 22 weitere. Dazu erschienen die Verlobten vor dem Standesbeamten, der die Kriegstrauung umgehend vollzog. Mit dem Auszug der ersten Truppen nahm die Zahl der Nottrauungen wieder ab. Bis zum Ende des Jahres 1914 wurden in dieser vereinfachten Weise noch 13 Eheschließungen durchgeführt.

(Dr. Bärbel Sunderbrink, Stadtarchiv Detmold)

Signatur: Stadtarchiv Detmold, DT Standesämter, Nr. 1066

„Im Zeichen der Kriegsbegeisterung“ – Lippische Landeszeitung am 27. Juli 1914

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Lippische Landeszeitung 27. Juli 1914 (LAV NRW OWL)

Lippisches
Detmold, 27. Juli
In schreiendem Gegensatz zum vorletzten Sonntag stand der gestrige Tag. Konnten wir vorigesmal von hellem Sonnenschein und harmlos fröhlichen Menschen berichten, die sich der Festfreude auf dem Bruchmarkte hingaben, so stand der gestrige Sonntag  i m  Z e i c h e n  d e r  K r i e g s b e g e i s t e r u n g. Die Gastwirtschaften und Erholungslokale waren von Menschen überfüllt, und eine außerordentliche Begeisterung für die hochwichtigen Tagesereignisse machte sich allenthalben bemerkbar. Dafür waren die Promenaden desto einsamer, denn es wehte ein unfreundlicher Wind, und eine Regenwolke jagte die andere. So laut aber auch die Kriegsbegeisterung sich äußerte, so ist sicherlich in manchem Herzen ernste Sorge eingekehrt, denn, sollte das Ungeheure wirklich geschehen und ein allgemeiner Völker- und Rassenkrieg ausbrechen, so wird es ohne Frage Ströme von Blut kosten und viele Millionen an Nationalvermögen werden vernichtet werden. Ist ein Krieg immer und unter allen Umständen ein Unglück, so würde es ein solches bei den furchtbaren Waffen der Neuzeit doppelt und dreifach sein. Wer aber wollte nicht mit der Möglichkeit, ja mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, dass auch Deutschland an dem blutigen Ringen sich wird beteiligen müssen?! Da seufzt so mancher junge Geschäftsmann: Mein blühendes Geschäft muß ich in fremden Händen zurücklassen, und wenn die, denen ich es anvertraue, treulos oder nachlässig sind, wer ersetzt mir und den Meinen den Verlust? Und so hat jeder sein Leid zu klagen, der eine dies, der andere das. Vielleicht möchte einer sagen: Wenn diesmal Deutschland in den Krieg ziehen muß, so wird es wohl nicht mit jener flammenden Begeisterung geschehen, mit der die Siege von Weißenburg, Wörth, Spichern und Sedan errungen wurden ….
Und doch! Machen wir uns die Lage klar! Es würde doch kaum anders sein wie in der großen Zeit von 1870/71. Einstweilen wird der Krieg zwischen Oesterreich und Serbien geführt, und das Recht, diesen Krieg zu führen, wird ein patriotisch fühlender Deutscher dem österreichischen Bundesbruder nicht abstreiten wollen. Sollte sich Russland wirklich einmischen, so ist es – vergessen wir das nicht! – auf eine Demütigung des Dreibundes abgesehen. Sollte gar Frankreich sich einmischen, so will es nichts anders, als unser aufblühendes und erstarkendes Vaterland zu Boden drücken. Und gegen solche Gefühle werden wir Deutschen alle wie ein Mann stehen. Mit Donnerhall wird die Kriegsbegeisterung wieder auflodern, wie in der großen Zeit des deutsch-französischen Krieges, und der furor teutonicus wird mit alter Kraft, aber mit neuen Waffen hervorbrechen und die heiligsten Güter der Welt mit Blut und Eisen zu verteidigen wissen.

Historische Einordnung

Wenige Tage vor Kriegsbeginn lassen sich für beides, für nationale Kriegsbegeisterung, aber auch für eine verbreitete Verunsicherung, Niedergeschlagenheit und Zukunftssorge Belege in der regionalen Presse finden. Als die Lippische Landeszeitung über den letzten Sonntag im Juli 1914 berichtete, wird die Ambivalenz der Stimmungen nicht verschwiegen. Der Sonntag, 26. Juli, habe in Detmold „im Zeichen der Kriegsbegeisterung“ gestanden. Die Gastwirtschaften und Ausflugslokale seien von Menschen überfüllt gewesen, und „eine außerordentliche Begeisterung für die hochwichtigen Tagesereignisse machte sich allenthalben bemerkbar“. Doch dann ließ der Verfasser des Artikels bemerkenswert nachdenkliche Äußerungen folgen: „So laut aber auch die Kriegsbegeisterung sich äußerte, so ist sicherlich in manchem Herzen ernste Sorge eingekehrt, denn, sollte das Ungeheure wirklich geschehen und ein allgemeiner Völker- und Rassenkrieg ausbrechen, so wird er ohne Frage Ströme von Blut kosten und viele Millionen an Nationalvermögen werden vernichtet werden.“ Während vor allem die jungen Männer eine abenteuerliche „Kriegsfahrt“ erwarteten, die spätestens zum Jahresende siegreich beendet werden sollte, war die in der Lippischen Landeszeitung skizzierte Perspektive eine andere. So heißt es dort weiter: „Ist ein Krieg immer und unter allen Umständen ein Unglück, so würde es ein solches bei den furchtbaren Waffen der Neuzeit doppelt und dreifach sein.“ Der Verfasser stellte fest, dass die Deutschen „wohl nicht mit jener flammenden Begeisterung“ wie 1870/71 in den Krieg ziehen würden, es sei denn, Frankreich würde intervenieren. In diesem Fall ließ sich der Verfasser des Artikels einen gedanklichen Ausweg, der bekanntlich bald begangen wurde. Alles in allem machte man sich auch in der Provinz keine Illusionen über die Realität des Krieges. Dass ein industrialisierter Massenkrieg andere Dimensionen als die Einigungskriege haben würde, war nicht nur den Publizisten klar.

(Dr. Bärbel Sunderbrink, Stadtarchiv Detmold)

Signatur: Lippische Landeszeitung 27. Juli 1914 (LAV NRW OWL)