Aus der „Kriegschronik“ des Rettungshauses Schildesche, 31.12.1923

[…] Gottes Gnade und Segen walte auch in Zukunft über unserer Anstalt und mache sie noch für viele jüngere Seelen zu einem Hause der Rettung, in dem sie „den Grund finden, der ihre Ankerung hält!“

Ich schließe diese meine Eintragungen mit diesem Gebetswunsch und füge im Folgenden noch ein Verzeichnis der Zöglinge an, von denen wir erfuhren, dass sie im Weltkrieg fürs Vaterland gefallen sind; in Wirklichkeit wird die Zahl der Gefallenen aus den Reihen unserer Zöglinge natürlich viel größer sein.

Fritz Wagner (Iserlohn)
Franz Mikloweit + 22.9.1915
Karl Kraus
Wilhelm Artmann + 25.9.1915 (Rußland)
August Limprecht + 1916
Berthold Ertelt + 9.4.1916
Albert Liebig (+ vor Verdun 1916)
Johann Olschewski
Eduard Wiemer
Hermann Zander
Fritz Behrens +Dezember 1916 im Westen
Fritz Nickel aus Gelsenkirchen + 21.4.1917
Heinrich Sturhan +3.4.1917
Heinrich Grote +1917
Eduard Neumann +1917
Walter Schundau
Paul Schütz +24.11.1917
Fritz Winkhaus (?)
Erich Petz +1918
Johann Glatthaar +6.4.1918
Willi Flade +24.4.1918
Karl Avenmarg

Quelle: Aus der „Kriegschronik“ des Rettungshauses Schildesche, von Anstaltsleiter Pastor Paul Bellingrodt (1875-1951)

Signatur: Archiv des Ev. Johanneswerks, Re/Schild – 5

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Dankurkunde des Kriegshilfsvereins Bielefeld, 1919

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Der Kriegshilfsverein
dankt
Frau Marie Kisker
herzlichst für treue Mitarbeiter in der
Kriegsfürsorge in den Jahren 1914-1919

Bielefeld, Weihnachten 1919
Oberbürgermeister Stapenhorst

Großformatige Urkunde mit dem Bielefelder Stadtwappen (oben) und dem Eisernen Kreuz (unten) sowie dem Hinweis auf verschiedene „Kriegsfürsorge“-Dienste: Bahnhofsdienst, Volksküche, Familienfürsorge, Kleiderausgabe, Verwundetenfürsorge, Näh- und Flickstube, Strick- und Nähausgabe, Kriegsbeschädigten- und Hinterbliebenen-Fürsorge, Liebesgaben-Dienst, Sammel-Dienst.

Signatur: Privatarchiv Familie Kisker, Ger.Pl. Nr. 1

Aus der „Kriegschronik“ des Rettungshauses Schildesche, 8.9.1919

Der Umsturz

Im Wirbel der sich drängenden Arbeit und der sich überstürzenden Ereignisse findet der Chronist erst heute (am 8. Sept. 1919) die Muße und die Freudigkeit, pflichtgemäß auch des erschütternden Ausgangs zu gedenken, den der Weltkrieg nach mehr als 4-jährigem Ringen genommen hat. Was haben wir alles erlebt seit jenem unseligen 9. November 1918, der uns den Kaiser und des Reiches Herrlichkeit raubte. Es erfüllte sich, was ein Engländer vorausgesagt hatte: Ihr Deutschen gewinnt zwar die Schlachten, aber wir gewinnen den Krieg. Wie auf die Flucht des Kaisers nach Holland die Annahme der erdrückenden Waffenstillstandsbedingungen und später die schmachvolle Unterzeichnung des Schandfriedens von Versailles folgte, davon braucht hier nicht weiter gehandelt zu werden. Aber dass wir im Rettungshause, wo die Liebe zu König und Vaterland stets eine besondere Pflegstätte gefunden hatte, mit tiefem Weh ein Stück nach dem anderen von dem hinsinken sahen, wofür unsere Herzen geglüht hatten, das soll nicht verschwiegen werden. Zu dem äußeren Zusammenbruch kam der innere. Es erfüllte sich buchstäblich, was Schiller sagt:

„Nichts Heiliges ist mehr; es lösen
sich alle Bande frommer Scheu;
das Gute räumt den Platz dem Bösen,
und alle Laster walten frei.“

Ein Geist der Zuchtlosigkeit ergriff auch die Jugend. Und doch dürfen wir heute, 10 Monate nach der Revolution, dankbar dafür sein, dass wir unsere Arbeit bisher im ganzen ungestört weitertreiben durften. Törichte Eltern, die wähnten, unter der sozialistischen Regierung sei das Fürsorge-Erziehungs-Gesetz aufgehoben, wurden bald durch einen Erlass der neuen Regierung eines Besseren belehrt. Fernerhin hat die Zahl der Entweichungen von Zöglingen beträchtlich zugenommen, und die Polizeiverwaltungen sind in ihrer Festnahme und Zurückführung oft merkwürdig lässig. Auch ist es auffallend, dass trotz zunehmender Verwahrlosung der Jugend die Überweisungen neuer Zöglinge zur Fürsorge-Erziehung sehr wenig zahlreich sind; offenbar scheut man sich, aus Furcht vor der Gosse und der Masse, durchzugreifen. Doch glauben wir, dass das eine vorübergehende Erscheinung ist. Schließlich wird auch ein sozialistischer Staat die Verpflichtung nicht abweisen können, verwahrloste Kinder in Erziehungsanstalten zu geben. So wird die Arbeit unseres Rettungshauses wohl weitergetrieben werden können und müssen, und wir stehen auch einer republikanischen Regierung zur Verfügung, solange sie nicht die Aufgabe unserer christlichen, konfessionellen Eigenart von uns fordert.
Mehr gefährdet erscheint z.Zt. der Fortbestand unserer Präparandenanstalt. Es sind von Seiten der neuen Männer Pläne laut geworden, die auf eine völlige Veränderung der bisherigen Lehrerbildung unter Aufhebung der Präparanden-Anstalten und Seminare hinzielen. Vorläufig dürften der Verwirklichung dieser Pläne freilich noch unüberwindliche finanzielle Schwierigkeiten entgegenstehen.

So treiben wir z.Zt. unsere Arbeit noch in der alten Weise weiter. Die im Kriegsdienst gewesenen Lehrer Weißenbach, Rubbe und Böckstiegel sind nach und nach wieder gesund zurückgekehrt wie auch der Hausvater Schein. Am 16. August 1919 kehrte auch unser Lehrer Niederbrodhage nach fünfjähriger Kriegsgefangenschaft wohlbehalten zurück, während wir auf unseren Lehrer Grote, der im August 1918 in englische Gefangenschaft geriet, noch warten.

Nicht unerwähnt bleiben soll als eine Wirkung der grausamen englischen Hungerblockade, dass der Gesundheitszustand unserer Zöglinge im letzten Jahr doch erheblich zu wünschen übrig ließ. In der ersten Hälfte des Jahres 1919 hatten wir 4 Todesfälle an unheimlich schnell verlaufender tuberkulöser Gehirnentzündung. So begrüßen wir es mit Freuden, dass auf unsere Veranlassung in dem Hause „Gute Hoffnung“ in der Senne eine Station für tuberkulöse schulpflichtige Fürsorgezöglinge eingerichtet wurde, der wir eine Anzahl unserer Knaben überweisen konnten.

Zum Geburtstag unseres Kaisers am 27.1.19 wurde auf Anregung einiger Präparanden folgendes Telegramm abgesandt:

Sr. Majestät Kaiser Wilhelm
Amerongen, Holland
Eurer Majestät entbieten Lehrer und Schüler der Präparandenanstalt Schildesche ehrfurchtsvolle Grüße und Segenswünsche. Wir gedenken in Dankbarkeit und Treue unseres Grafen von Ravensburg. Der alte Gott lebt noch. Sein Schutz und Segen sei mit Eurer Majestät!
Im Auftrag:
gez. Bellingrodt

Eine wenige Tage später einlaufende Dankeskarte aus dem Hofmarschallamt wurde eingerahmt und in der Präparanden-Anstalt aufgehängt.“ […]

Quelle: Aus der „Kriegschronik“ des Rettungshauses Schildesche, von Anstaltsleiter Pastor Paul Bellingrodt (1875-1951)

Signatur: Archiv des Ev. Johanneswerks, Re/Schild – 5

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Hartmann (Rödinghausen), 19.12.1918

Seit 3 Wochen keine Eintragung. Die Neigung ist einem dazu vergangen. Jeder Tag, jede Zeitung brachte neue Demütigungen, neuen Jammer. Die Franzosen haben den Elsaß-Lothringen besetzt & die undankbaren Französlinge haben die deutschen Denkmäler umgestürzt & die Franzosen mit offenen Armen empfangen. Die Städte haben sich für den Anschluß an Frankreich erklärt. […]
Es mehrten sich nun die heimgekehrten Soldaten. Nicht geschlossen, einzeln zu 2 & 3en kehrten sie zurück. Man hört, daß manche Frontsoldaten empört sich über die Zustände in der Heimat geäußert hätten; ansehen kann man es dem Einzelnen nicht, welche Gesinnung er hat. Mißtrauen tut man manchem. Es ist natürlich unwahr, was, wie Frau Kantor erzählt, H[er]r Kosiek gesagt haben soll, man sollte den Soldaten ins Gesicht spucken, weil die die Fahne verlassen hätten. Daraus spricht nur das böse Gewissen, auch aus dem Zusatz der Andern: „Das spricht H[er]r Kosiek ja nur Pastor Hartmann nach.“ Freilich, die Ehrenbogen, welche je länger je mehr sich über die Landstraßen & Dorfstraßen ziehen, muten mich sonderbar an. […].

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Ernst Hartmann, Kirchengemeinde Rödinghausen, S. 234/19.12.1918

Signatur: LkA EKvW Best. 4.31 Abt. B HS 2 (Quelle); LkA EKvW W 15193 (Transkription)

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Hartmann (Rödinghausen), 27.11.1918

Seit 10 Tagen bin ich nicht zur Fortführung dieser Aufzeichnungen gekommen. Zwar hat die Grippe abgenommen, [aber] erst gestern hat sie wieder ein Opfer gefordert, die 45jähr[ige] Ehefrau Brömmelmeier im Bierener Sieke, sonst hat sie abgenommen. – Am Bußtag heute vor 8 T[a]g[en] predigte ich über den Psalm 130; es fehlten viele Konfirmanden in der Kirche. Am Nachmittag hatte ich den Jungfr[auen-]Verein in Bieren. Die Gefangenen sind nun fast alle fort, dagegen zahlreiche heimische Soldaten heimgekehrt. Wie ganz anders hatten wir uns ihre Heimkehr gedacht. Jetzt kommen sie einzeln, von dem Soldatenrat entlassen, z.T. von der Truppe fortgelaufen. Es wurden Truppenzüge erwartet. In Bünde hat man geflaggt, in Löhne waren viele Begrüßungsgewinde über die Landstraße gezogen mit Inschriften: Willkommen in der Heimat, den tapferen Kriegern in der Heimat usw. Man hat keine Freude daran; man freut sich der heimgekehrten Truppen nicht, weiß ja nicht, ob es getreue oder ungetreue Soldaten sind. Die Jungen besonders, die nichts geleistet haben, spielen sich am meisten auf. Man sagt, das R[e]g[imen]t 42, das in Bünde einquartiert sei, habe den Soldatenrat dort abgesetzt. Auf wie lange, wenn es wahr ist? […]

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Ernst Hartmann, Kirchengemeinde Rödinghausen, S. 233/27.11.1918

Signatur: LkA EKvW Best. 4.31 Abt. B HS 2 (Quelle); LkA EKvW W 15193 (Transkription)

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Hartmann (Rödinghausen), 12.11.1918

Wie gehen die Tage langsam dahin! Ich meine, es seien Wochen, was seit dem 10ten [November 1918] geschehen ist. Dabei soll man Predigt machen? […]

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Ernst Hartmann, Kirchengemeinde Rödinghausen, S. 231/12.11.1918

Signatur: LkA EKvW Best. 4.31 Abt. B HS 2 (Quelle); LkA EKvW W 15193 (Transkription)

Das Kirchengebet entsprechend den veränderten politischen Verhältnissen gestalten, November 1918

1918112

Rundschreiben des Fürstlich Lippischen Konsistoriums

Fürstlich Lippisches Konsistorium

Detmold, den 12. November 1918      Eingeg[angen:] 16.11.18

Nr. 2975

Detmold, den 12. November 1918

Nachdem, wie den Herren anderweitig bekannt geworden sein wird, seine Majestät der Kaiser und seine Hochfürstliche Durchlaucht der Fürst dem Throne entsagt haben, ersuchen wir bis auf weiteres, das allgemeine Kirchengebet den veränderten politischen Verhältnissen entsprechend zu gestalten.

Pustkuchen

An
die Herren reformierten
und lutherischen Pfarrer

Signatur: Archiv der ev.-ref. Kirchengemeinde St. Johann Lemgo, Nr. 115