Kriegschronik des Otto Zähler, Bielefeld, 1914-1916

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In 41 bebilderten Kapiteln schilderte Otto Zähler aus Gadderbaum in seiner „Illustrierten Kriegschronik eines Daheimgebliebenen“ vor allem die Ereignisse von Juli bis September 1914 in Bielefeld. Diese ist umso wertvoller, da eine städtische Chronik nicht angelegt wurde.

(Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld)

Signatur: Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Sammlung Militärgeschichte, Nr. 299

Lit.: Jochen Rath, Der Kriegssommer 1914 in Bielefeld – Otto Zählers „Illustrierte Kriegschronik eines Daheimgebliebenen“, in: Ravensberger Blätter 2011, Heft 1, S. 1-17

Link: Historische Einordnung: Otto Zählers „Illustrierte Kriegschronik eines Daheimgebliebenen“, Dr. Jochen Rath (Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld)

Foto „Kriegszug Warburg – Altenbeken – Paris“, 20.8.1914

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„Kriegszug Warburg – Altenbeken – Paris“, 20.8.1914 (Foto: Kreisarchiv Paderborn/ Heinrich Müller)

Im Sommer 1914 erwarteten die meisten Deutschen, dass der Krieg innerhalb weniger Wochen siegreich beendet sein würde. Als sich das Eisenbahn-Personal am 20. August 1914 vor dem „Kriegszug Warburg – Altenbeken – Paris“ fotografieren ließ, waren die deutschen Aufmarschpläne aber bereits ins Stocken geraten.

(Wilhelm Grabe, Kreisarchiv Paderborn)

Abiturprüfung im Fach Deutsch, 1914

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Die wiederholt unterstellte Kriegsbegeisterung gerade der Absolventen des Notabiturs 1914 ist mindestens fraglich, ja eher patriotische Propaganda und Waffen-klirrendes Konstrukt („Langemarck-Mythos”!). Die Reifeprüfungsklausuren atmen keine Blutrünstigkeit, sondern offenbaren Patriotismus und vor allem einen klaren Blick für die militärischen Kräfteverhältnisse und drohenden Folgen. Im August 1914 legten zehn Ratsgymnasiasten in Bielefeld das Notabitur ab. Die Aufgabe für die Deutschklausur lautete schlicht: „Die Gegenwart – eine ernste, aber schöne Zeit für Deutschland“.

Der Prüfling Werner Bentrup erkannte drei Voraussetzungen für den Krieg: „erstens Geld, zweitens Geld und drittens wiederum Geld“. Weitsichtig beschrieb Heinrich Thöne mögliche Konsequenzen, die aus den jüngsten Kriegserklärungen resultierten: „Hierdurch ist für uns die Lage sehr ernst geworden. Englands Flotte ist der unsrigen überlegen, wiewohl Deutsche Seeoffiziere im Ringen mit England siegreich zu bestehen glauben. Verbindet sich gar Englands Flotte mit der französischen – woran sich doch kaum zweifeln läßt – so ist die Aussicht auf Sieg sehr gering. Und sollten wir besiegt werden, so wird zweifellos Rußland, dieser slawische Staat, eine Großmachtstellung in Europa einnehmen. Deutschlands Größe wäre dahin, Elsaß-Lothringen gingen verloren, verloren die Deutschen Ostseeprovinzen, sein Handel läge danieder, ungeheure Kriegskosten müßten wir aufbringen.“

Lehrer Hermann Tümpel kommentierte die Siegesskepsis mit einem großen Fragezeichen, ergänzte aber „Die sicher bevorstehenden Verluste fehlen“, womit er die Kriegstoten meinte.

Als erster der Notabiturienten fiel Fritz Mangelsdorf am 7. Dezember 1914 in der Schlacht bei Limanowa-Lapanow in den Karpaten (heute Südpolen) als Angehöriger des Reserve-Infanterie-Regiments 218.

(Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld)

Signatur: Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 150,14/Ratsgymnasium, Nr. 1069

Lit.: Altenberend, Johannes, „Mars regierte die Stunde” – Der Kriegsausbruch 1914 im Bielefelder Gymnasium zwischen Euphorie, Skepsis und Ernüchterung, in: Ravensberger Blätter 2014, Heft 1, S. 9–21

Patriotisches Konzert am Neuen Rathaus, Schillerplatz, 9. August 1914

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Die Friedensdemonstrationen vom Juli 1914 wurden bald durch ein komplexes „Augusterlebnis“ abgelöst, das verschiedenste Varianten einer nahezu uneingeschränkten Bereitwilligkeit prägten. Deshalb dürfte der Terminus „Entschlossenheit“ die Situation zutreffender beschreiben als Euphorie, und wenn, dann war es eher eine allgemeine nationale und keine kriegerische. Echte Massen-Kriegsdemonstrationen mit chauvinistischem Charakter blieben auf wenige Großstädte beschränkt.

Bielefelder Ansätze hierfür liefert allenfalls eine Veranstaltung vor dem Rathaus am Niederwall, als der „Posaunengeneral“ Johannes Kuhlo (1856-1941) am 9. August 1914 ein Platzkonzert gab, u. a. ein Ständchen für den englischen König intonierte („Verlassen, verlassen bin ich“) und eine Rede vor angeblich Tausenden Menschen hielt (das Foto vermittelt einen anderen Eindruck) hielt, „alle mit gleichen Empfindungen, gleichen Wünschen und gleichen Absichten. Jedenfalls eins der schönsten Bilder, die uns während der Mobilmachung zu Gesicht kamen“, wie Otto Zähler schreibt (Foto: Otto Zähler).

(Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld)

Signatur: Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Sammlung Militärgeschichte, Nr. 299

Lit.: Jochen Rath, Der Kriegssommer 1914 in Bielefeld – Otto Zählers „Illustrierte Kriegschronik eines Daheimgebliebenen“, in: Ravensberger Blätter 2011, Heft 1, S. 1-17

Tagebuch Hermann Bornemann, 8.8.1914

Detmold, den 8. August 1914
4¼ bis 5¼ Stalldienst. 6 Uhr antreten auf dem Kuhkamp. Waffen und Munition werden empfangen, Zeltbahnen und Zubehör ausgegeben, Gespanne noch einmal neu eingeteilt. Ich bekomme mein Reitpferd, großer brauner Oldenburger, 178 [cm] Schulterhöhe, schönes, sechsjähriges Tier. Hatte erst einen Wallach, mußte mit Wachm[ei]st[e]r Erpenbeck tauschen. 7 Uhr abends antreten, Kriegsartikel verlesen. Die Straßen sind mächtig belebt; besonders die jungen Kriegsfreiwilligen hört man allerorts mit Gesang marschieren. Diese Nacht sollen wir von [Seite 5] hier abrücken. Ich bin auch als Fahrer eingeteilt und bringe mein Gespann zu Johannettental. Alle Sachen sind gepackt, Posten aufgezogen. Hole meine Sachen aus dem Quartier und um 11 Uhr ist alles wieder auf dem Parkplatz am Anspannen. Ich reite nun doch mein Pferd. Es ist eine schöne Sommernacht.

Quelle: Tagebuch von Hermann Bornemann (Herford). Privatbesitz. Leihgabe an das Gemeindearchiv Herzebrock-Clarholz.

Evangelische Kirche und Erster Weltkrieg

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Verbreitete Propaganda-Postkarte. Der zitierte Satz „Vorwärts mit Gott, der mit uns sein wird, wie er mit den Vätern war!“ beschließt den Aufruf Kaiser Wilhelms II. an das deutsche Volk vom 6. August 1914.

Der Erste Weltkrieg wurde 1914 nicht begonnen, weil national euphorisierte, sich im Deutschen Reich als von anderen Hegemonialmächten eingekreist empfindende und daher seit längerem Aufmarschpläne schmiedende Volksmassen aus dieser Not und Notwendigkeit heraus zu den Waffen griffen und in die Nachbarländer einfielen. Der Krieg hatte vielschichtige Ursachen und Auslöser auf allen Seiten der Beteiligten. Er wurde nicht zuletzt begonnen, weil die deutsche „Reichsleitung“, also der Reichskanzler an der Spitze einer Beamtenregierung, und die Politik des Deutschen Reiches und seines Verbündeten Österreich-Ungarn diese militärische Eskalation bewusst in Kauf nahmen und auch herbeiführten. Die vermeintliche Kriegsbegeisterung, das sogenannte „Augusterlebnis“ und der viel beschworene „Geist von 1914“ waren Produkt und Intention von Propaganda und Mobilisierung. Politik, Militär, Wirtschaft und Kirche verfolgten damit eigene Interessen und machten Millionen von Menschen zu ihren Werkzeugen und Kriegern.

„Wohl keine gesellschaftliche Gruppe hat die Kriegsanstrengungen des deutschen Reiches von August 1914 bis zum bitteren Ende im November 1918 mit größerer Entschiedenheit unterstützt als die protestantischen Landeskirchen.“ Theologen deuteten den Krieg als eine Prüfung Gottes und als Teil des göttlichen Weltplans, der Deutschlands Aufstieg zu einer Weltmacht bringen werde. Leiden, Sterben und Trauer wurden von den Kirchen in der Anfangszeit des Krieges, der als „gerechter Krieg“ bezeichnet wurde, als heilsgeschichtlich gebotene christlich-germanisch-vaterländische Opferbereitschaft interpretiert. Das war in sämtlichen kriegführenden Staaten dabei durchaus vergleichbar, die sich als Verteidiger des jeweiligen Vaterlandes, der Kultur und des Christentums verstanden. Die Kirche erfüllte – jenseits ihrer eigenen volkskirchlichen Wiedergeburtshoffnungen – staatliche Integrations-, Legitimations-, Trostspende- und Motivationsfunktionen: „Uns Pfarrern zumal fällt in dieser außerordentlichen Zeit die bedeutsame Aufgabe zu, den Geist restloser Pflichterfüllung und unwandelbarer Treue bis in den Tod zu pflegen und zu stärken.“

Die evangelische Kirche und ihre traditionell nationalkonservativ eingestellten Kirchenbehörden agierten unter ihrem obersten Bischof Kaiser Wilhelm II. weitgehend als aktive Mitstreiter bei der totalen Mobilisierung und Ressourcenausschöpfung der deutschen Bevölkerung für die Fortführung des Krieges. Die westfälische Provinzialkirche war bis 1945 Teil der preußischen Landeskirche und teilte entsprechend ihre Geschichte.

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Postkartenserie „Gebet während der Schlacht“ (LkA EKvW 3.46 Nr. 80)

Westfalen war im Ersten Weltkrieg zu keiner Zeit militärisches Kampfgebiet. Schützengräben gab es in Westfalen lediglich als „Schauschützengräben“, die den Kriegsalltag jedoch nur unzureichend wiedergeben konnten. Das Grauen und die Realität der Front erreichte Westfalen an der „Heimatfront“ – in Gestalt von Siegesmeldungen und Verlustlisten in den Zeitungen, in Berichten über Offensiven und Ordensverleihungen, als Feldpost für die Familie und die Gemeinde, in Form von Geld- und Sachspendeaktionen sowie von Aufrufen zu Kriegsanleihen, in wöchentlichen Kriegsbetstunden und in Segnungsgottesdiensten für die einberufenen Soldaten, in Gestalt von Verwundeten, Invaliden und Kriegsgefangenen, die wie Lazarette und Lager im öffentlichen Raum zunehmend auftauchten und ihn mit prägten.

Kirchen, Gemeinden und Gemeindepfarrer wirkten in vielfältiger Weise an der Heimatfront, und sie wirkten für den Zusammenhalt zwischen Front und Heimat, für moralische Unterstützung, Trost und Stärkung sowie nicht zuletzt für den Erhalt der Wehrkraft auf beiden Seiten.

Aufgrund ihrer volkskirchlichen Struktur und ihrer nationalstaatlichen Verankerung ist evangelische Kirche zumindest bis zum Ende des Wilhelminischen Kaiserreichs gesamtgesellschaftlich präsent und auch gefordert. Die kirchlichen Archive spiegeln diese Rolle der Kirche in vielfältigen Quellenbeständen, die in ihrer Breite lediglich durch nachfolgende Kriegsbeschädigungen Verlust erlitten haben.

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Karte „Mit Gott für Kaiser und Reich!“, 1914 (LkA EKvW 4.43 Nr. 699)

(Dr. Jens Murken, Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen)