Kriegsalltag in einer Einrichtung der Fürsorgeerziehung 1914

Rettungshaus Schildesche,Kriegschronik Bellingrodt, 1914 - Johanneswerk

Das 1852 in Schildesche bei Bielefeld gegründete „Rettungshaus Schildesche“ war eine evangelische Fürsorgeerziehungsanstalt, in der 1914 etwa 200 Kinder und Jugendliche lebten. Seit 1875 führte der jeweilige Anstaltsleiter eine Chronik, in der über die wesentlichen Ereignisse des Jahres berichtet wurde. Die Eintragungen des Jahres 1914 stammen aus der Feder von Pastor Paul Bellingrodt (1875-1951), der die Anstalt von 1912 bis 1923 leitete.

Pastor Paul Bellingrodt kam 1909 als stellvertretender Leiter in das Rettungshaus Schildesche. Da zum Rettungshaus auch eine Präparandenanstalt gehörte, in der Jungen mit Volksschulabschluss auf den Besuch des Lehrerseminars vorbereitet wurden, verpflichtete er sich, innerhalb von zwei Jahren die Rektorprüfung abzulegen, um dann die Leitung von Rettungshaus und Präparande übernehmen zu können. 1912 wurde er zum Leiter der gesamten Anstalt berufen. 1924 verließ er das Rettungshaus und wurde Direktor des „Evangelisch-kirchlichen Erziehungsvereins der Provinz Westfalen“ sowie Leiter der Ev. Jugendhilfe Schweicheln.

Den transkribierten Text schrieb er rückblickend am 11. November 1914. In den ersten Sätzen klingen die weit verbreitete nationale Begeisterung bei Ausbruch des Krieges und der Siegesrausch der ersten Kriegswochen an. Wie viele Deutsche war Paul Bellingrodt davon überzeugt, dass das Deutsche Reich einen legitimen Verteidigungskampf „gegen eine Welt von Feinden“ führte. Er stand damit im Einklang z.B. mit den deutschen Hochschullehrern, die im Oktober 1914 nahezu geschlossen in einer gemeinsamen Erklärung den Ersten Weltkrieg als „Kampf für Deutschlands Freiheit“ und „für die ganze Kultur Europas“ rechtfertigten. Für den Theologen Bellingrodt folgte daraus scheinbar selbstverständlich, dass die deutschen Siege eine Gabe Gottes waren.

Im Herbst 1914 war jedoch der schnelle Vormarsch der deutschen Truppen an mehreren Frontetappen bereits vorbei und der verlustreiche Stellungskrieg begann. So waren am 10. November 1914 – einen Tag vor Bellingrodts Chronikeintragung – über 2.000 junge Soldaten getötet worden, die versucht hatten, eine Hügelkette nahe der belgischen Ortschaft Langemarck zu erobern. Die meisten von ihnen waren Reservisten und Kriegsfreiwillige gewesen. Pastor Bellingrodts Ahnung, dass auch viele ehemalige Zöglinge vielleicht bereits „den Heldentod erlitten“ hatten, hatte also durchaus reale Hintergründe. Einen Schwerpunkt in Bellingrodts kleiner Jahreschronik bilden die Schilderungen christlich geprägter Rituale, mit denen im Rettungshaus der Kriegsverlauf begleitet wurde. Siege wurden umgehend gefeiert, Tote gemeinsam betrauert und in der „Kriegsbetstunde“ die Gemeinschaft mit den kämpfenden Soldaten betont. Als einzige direkte Auswirkung des Krieges auf den Alltag im Rettungshaus Schildesche nennt Pastor Bellingrodt den verkürzten Schulunterricht. Ein im Juli 1914 begonnener Neubau konnte fortgesetzt werden.

(Bärbel Thau, Archiv des Ev. Johanneswerks Bielefeld)

Transkription:

„Der Weltkrieg 1914
Am Nachmittag des 1. August 1914 erging durch alle deutschen Lande die Mobilmachungsorder unseres Kaisers, der sein Volk notgedrungen zu den Waffen rief wider eine Welt von Feinden. Wie dieser Ruf überall ein begeistertes Echo und ein wie nie geeintes Volk fand, wie dann die ersten Kriegswochen im Westen und Osten den alten Ruhm der deutschen Waffen erneuerten und Gott uns einen Sieg um den anderen gab, das steht in den Blättern der Weltgeschichte verzeichnet. Hier soll darum nur vermeldet werden, inwiefern die kriegerischen Ereignisse in unser Anstaltsleben eingriffen. 4 unserer Angestellten mussten alsbald in den Dienst des Vaterlandes treten, nämlich 2 Lehrer und 2 Brüder. (…) Wie viele unserer alten Zöglinge mögen im Felde stehen, wie viele schon den Heldentod fürs Vaterland erlitten haben! Gott weiß es. Nur von wenigen haben wir Kunde.

Unsere beiden Brüder sind, soviel wir wissen, noch unverletzt, obwohl sie schon oft in Lebensgefahr schwebten. Lehrer Böckstiegel erhielt in der Nähe von St. Quentin Ende August einen Fleischschuss in den Unterschenkel und durfte sich eine Zeit lang in seinem Elternhause erholen; er wird wohl bald zur Front zurückkehren können. (…)
Der Anstaltsbetrieb wurde unter Verkürzung des Stundenplanes aufrechterhalten, da sowohl der Anstaltsleiter wie auch der Hausvater und der verheiratete Bruder auf Antrag für unabkömmlich erklärt wurden.

Welchen Jubel jede Siegesnachricht in der Anstalt hervorrief, braucht kaum gesagt zu werden. Manchmal rief die Glocke zu ungewöhnlicher Zeit die Anstaltsgemeinde zusammen, dass sie ein eben eingelaufenes Siegestelegramm vernehme und Gott dafür die Ehre gebe. Wie begeistert und kräftig erklang dann jedes Mal die „Wacht am Rhein“ und „Nun danket alle Gott“. Aber auch Trauerkunden wurden bekannt gegeben, so in der Morgenandacht des 10. November 1914 die schmerzliche Nachricht, dass ein Sohn des früheren Anstaltsleiters, der Landesbauinspektor Walter Mangelsdorf, vor Verdun am 7.11.1914 den Heldentod erlitten habe, nachdem er wenige Wochen zuvor mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet war. Dem Gefallenen ist auch die Anstalt zu besonderem Dank verpflichtet, denn sowohl der Umbau unseres Mädchenhauses im Jahre 1908 wie auch das neue Pfarrhaus sind sein Werk.

Jeden Mittwoch- und Samstagabend versammelt sich die Anstalt zu einer Kriegsbetstunde; da werden die Kriegsereignisse ins Licht des Wortes Gottes gerückt, die Kriegslage auseinander gesetzt, Briefe aus dem Felde verlesen und zum Schluss wird im Gebet des Vaterlandes und des Kaisers gedacht, und insbesondere auch unserer Freunde im Feld. Für sie ist jedes Mal die Kollekte bestimmt, aus deren Erträgen ihnen Liebesgaben übersandt werden. Mancher Dankesgruß hat uns schon bewiesen, wie viel Freude wir damit machen.

Trotz der kriegerischen Zeiten ist unser Neubau rüstig fortgeschritten, sodass er Ende Oktober 1914 gerichtet werden konnte.“

Signatur: Archiv des Ev. Johanneswerks, Re/Schild – 5

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