Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Hartmann (Rödinghausen), 14.4.1916

Es werden 20 Pf[un]d Butter für die Frauenhülfe gebracht & abgesandet nach Mengede für 2M M. Das Pfund Speck kostet 3 M[ark] d. Pfd & ist unerschwinglich. Man merkt nachgerade doch die Teuerung; doch hängen auf dem [??] die Wiemen noch voll. Es heißt der Viehvorrat würde knapp sogar für das Heer. Es sollen beauftragte Schmuggler mit 100.000en von Mark nach Holland gefahren sein, um Vieh herüber zu bringen. Es giebt weiner Steinöl noch Spiritus mehr zum Brennen. Gut, daß die Sommerzeit eingeführt wird. Gott helfe daß die guten Aussichten in Garten & Feld sich verwirklichen. Es sind viele Urlauber da; aber die echte Aprilwitterung findet sie an der Arbeit auf dem Felde. Wir nehmen ab an Körpergewicht, H[er]r Ktr Wißkp z.B. um 15 Pf[un]d. . Passionsgottesdienst: Der Gang nach Golgatha! Viele Soldaten in der Kirche. Nachmittags Comm. Bei Brökemeyers, Stüssel, Kappelmann. Aprilwetter! Osterbriefe ins Feld.

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Ernst Hartmann, Kirchengemeinde Rödinghausen, S. 84/14.04.1916

Signatur: LkA EKvW Best. 4.31 Abt. B HS 2 (Quelle); LkA EKvW W 15193 (Transkription)

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Aus dem Tagebuch von Hedwig Stegemann, Herford, 26.8.1915

Am 26. August [1915] habe ich im Lazarett mächtig geschuftet. Das Apfelmus musste nämlich 3 Stunden gerührt werden. Schade, daß die Soldaten nicht mehr helfen dürfen, aber es darf keiner mehr in die Küche kommen.

Als wir gerade beim Kaffeetisch saßen, läuteten die Glocken: Brest Litowk war gefallen. Abends war ich noch bis ½ 11 Uhr auf dem alten Markte zur Siegesfeier. Als ich bei Beiners das Extra-Blatt las, kam der verlorene Sohn um die Ecke gefegt, natürlich von Salzuflen.

Quelle: Das Tagebuch der Hedwig Stegemann aus Herford im Ersten Weltkrieg (1.1.1914-10.5.1918)

Signatur: Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Slg. E 521 (Transkription C. Laue)

Aus dem Tagebuch von Hedwig Stegemann, Herford, 25.8.1915

Heute war ich mit Mutter und Frau Teichs in Salzuflen. Leider war Nachmittags 50 [Pfennig] Aufschlag, weshalb wir erst um sechs Uhr in den Kurpark gingen. Ich traf gleich Anna mit L. Steinmeyer und H. Keil. Beide und der verl[orene] Sohn saßen auf der Terrasse. Als sich Mutter und Frau Teichs daneben gesetzt hatten, wurde ich plötzlich so müde, daß ich unbedingt an den Tisch gehen musste.

Erst konnte ich E. nur von der linken Seite sehen, als die beiden auf dem L. waren, setzte ich mich herum, nachher setzte sich Bubi ebenfalls anders hin, da saßen wir uns gerade gegenüber. War das schön!!! – – – –

M. lehnte sich immer ganz zurück, um auch ja unsere Unterhaltung zu hören. Abends haben wir uns über E. seinen kleinen Bruder beinahe totgelacht, der musst uns nämlich beobachten. Auf dem Bahnhof hat er gehört, wie wir uns über Bubi’s Reitgerte erzählt haben.

Quelle: Das Tagebuch der Hedwig Stegemann aus Herford im Ersten Weltkrieg (1.1.1914-10.5.1918)

Signatur: Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Slg. E 521 (Transkription C. Laue)

Aus dem Tagebuch von Hedwig Stegemann, Herford, 24.8.1915

Am Dienstag, den 17. August ist Käthe wieder nach Berlin gefahren. Schade, daß die schöne Zeit so schnell zu Ende ging.

Am 24. August [1915] war ich zum ersten Mal im Lazarett. Erst kam mir noch alles ziemlich fremd vor, aber mit der Zeit werde ich mich schon einarbeiten.

Quelle: Das Tagebuch der Hedwig Stegemann aus Herford im Ersten Weltkrieg (1.1.1914-10.5.1918)

Signatur: Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Slg. E 521 (Transkription C. Laue)

Aus dem Tagebuch von Hedwig Stegemann, Herford, 5.8.1915

Herrliche Wochen liegen hinter mir. Wie im vorigen, so hatten wir auch in diesem Juli Monatskarten nach Salzuflen. Im vergangenen Jahre war es schön, aber dieses Mal noch viel schöner. Da in Salzuflen auch Militär und zwar die 67er liegen, war der Kurpark immer voller Soldaten. Feine Kerls darunter. In den ersten Wochen war ich meistens allein, am letzten Sonntag lernte ich ein Fräulein Käte Plaitrich aus Berlin kennen. Sehr nettes und feines Mädchen. So schnell, wie mit ihr, habe ich wohl noch mit niemanden Freundschaft geschlossen. Das hatte auch seine Gründe.
Wir beiden haben nämlich desselben Geschmack: Ein schöner Leutnant mit verbundenem Kopf, da ihm im Kriege das linke Auge ausgeschossen ist. Zum ersten Mal sah ich ihn, als wir mit Logmann’s an einem Sonntag in Salzuflen waren. Dann, als ich mit Anna E. und Frau Ramm da war, saß er mir gegenüber. Als wir Monatskarten hatten, war er in denn ersten Tagen nicht da, dann kam er mal ab und zu des Nachmittags. Einmal traf ich ihn abends auf dem Bahnsteig und dachte natürlich, er wäre abgereist, erfuhr dann aber, daß er jeden Abend nach Lemgo fährt. Eine Zeit lang war er immer ganz allein, auf seinem Gesichte war eine ganze Leidensgeschichte, er tat mir daher entsetzlich leid. Jetzt erschien er meistens um 6 Uhr mit dem Zuge, spazierte erst einige Mal durch den Kurpark und setzte sich dann auf seinen Platz vorn auf die Terrasse. Nach der Pause ging er dann ganz langsam herum. Käthi und ich haben ihn das erste Mal zum lachen gebracht, als er mit zwei anderen Damen da war, die aber ungefährlich scheinen. Ich hatte vorher schon mal gedacht, er könnte überhaupt nicht lachen.

Am Sonntag den 1. August [1915] war ich, trotzdem unsere Monatskarte abgelaufen war, doch in Salzuflen. Als ich mit Frau Ramm und deren Bruder die Promenade herunterging, sah ich, daß auch Meyerings mit ihrem Sohn da waren. Der Leutnant Meyering war mir schon vom vorigen Winter vom Waldfrieden her bekannt und interessant. Schneidiger Kerl, wohl der schneidigste Offizier, den ich je gesehen habe. Jetzt war er sehr schwer verwundet gewesen, anfangs sogar hoffnungslos, humpelte daher noch ziemlich stark. Dieser verlorene Sohn, wie wir ihn getauft haben, gesellte sich nun zu unserem verbundenen Leutnant, dem wir allmählich den schönen Namen Bubi gegeben haben. Als wir die Promenade herunter gingen, saßen die beiden einträchtig auf einer Bank, Meyering redete immer auf Bubi ein. Ob die sich wohl schon immer gekannt haben! Sonst ist der verlorene Sohn 50% in meiner Achtung gestiegen, dadurch, daß er den armen verbitterten E. angeredet und aufgeheitert hat.
Nun haben wir mit den beiden noch kolossal viel Spaß gehabt. Trafen wir den alten Meyering ohne Sohn, so bogen wir schleunigst aus, damit er nicht grüßte, und der Sohn, wenn er nachher bei ihm war, mit grüßen musste. Eine Dame, die bei Meyerings zu Besuch ist, haben wir kurz und Bündig die Schwiegertochter getauft, trotzdem sie ziemlich ungefährlich scheint.

Doch unsere beiden Leutnants haben noch andere Verehrerinnen gefunden: Geschwister Pape und die beiden sogenannten Gespenster. Mit der Schwester der letzteren, einem Zopfmädel hatte M. mal auf der Bank Bekanntschaft geschlossen, und da laufen eines Tages alle vier im Abstand von drei Schritten hinter den beiden mit der Kleinen her. Aber der Bubi und auch M. wollten mit denen nichts zu tun haben. Das haben sie uns besonders deutlich abends auf dem Bahnhof gezeigt. E. schien den Zug nach Lemgo verpasst zu haben, als er nun mit M. auf dem Bahnsteig erschien, wurden sie gleich von den Gespenstern und s[o] w[eiter] umringt. Nachher wollte Bubi zu Anna und mir ins Abteil steigen, aber leider war es schon besetzt.

Quelle: Das Tagebuch der Hedwig Stegemann aus Herford im Ersten Weltkrieg (1.1.1914-10.5.1918)

Signatur: Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Slg. E 521 (Transkription C. Laue)

Die Kunst des Kochens in Zeiten der Lebensmittelknappheit

Die Lebensmittelknappheit im Ersten Weltkrieg machte sich schon recht früh bemerkbar, nachdem die Hoffnung auf einen kurzen Krieg begraben werden musste, die Ernte aufgrund fehlender Erntehelfer, Zugtiere und Düngemittel viel knapper als gewohnt ausfiel und die britische Seeblockade der Einfuhr von Lebensmitteln ein Ende setzte.

Von staatlicher Seite wurde mit der Festlegung von Höchstpreisen, Zwangsbewirtschaftung und Rationierung mittels Lebensmittelkarten schon früh eingegriffen, um Preistreiberei und dem Schleichhandel vorzubeugen und eine Mindestversorgung der Bevölkerung auch in den armen Schichten der Bevölkerung zu gewährleisten. Auch wurde in den Zeitungen zum sparsamen Haushalten aufgerufen.

Die Frauen an der ‚Heimatfront’ hatten es zu dieser Zeit auf vielen Ebenen schwer. Sie sollten die Männer an der Front ersetzen und unter anderem in den Fabriken mitarbeiten, sich aber auch um den Haushalt und die Kinder kümmern, die wegen häufig ausfallendem Schulunterricht oft zu Hause blieben und sich an wohltätigen Projekten beteiligen wie z. B. dem Stricken von Socken für die Soldaten.

‚Nebenbei’ sollten sie die Versorgung ihrer Familien mit den immer knapper werdenden Nahrungsmitteln besorgen. Dies stellte sich im Laufe des Krieges als zunehmenden schwieriger heraus. Fast alle Nahrungsmittel gab es nach und nach nur noch auf Lebensmittelkarten, die bei den Gemeinden beantragt werden mussten. Eine solche Karte berechtigte zwar zum Kauf bestimmter Lebensmittel, oft musste zum Erwerb aber stundenlang in Warteschlangen an den Verkaufsstellen angestanden werden und wenn die Waren nicht erhältlich waren, gab es statt dessen Ersatzprodukte, die oft einen geringeren Nährwert hatten, so gab es z. B. 1916 häufig Margarine statt Butter.

Als Hilfe kamen schon 1915 spezielle Kriegskochbücher auf den Markt und in Herford gab es sogar Kriegskochkurse, die sich speziell an junge, erwerbstätige Frauen richteten, die lernen wollen, mit dem verminderten Nahrungsangebot nahrhafte, günstige Kost zuzubereiten für die Versorgung ihrer zukünftigen Familien.

HK_1915.02.22_Kriegskochbücher_neu

Bekanntmachung aus dem Herforder Kreisblatt vom 22.02.1915 über den Verkauf von Kriegskochbüchern im Vereinshaus des Vaterländischen Frauenvereins in Herford (Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Zeitungssammlung)

Bekanntmachung aus dem Herforder Kreisblatt vom 22.2.1915 über den Verkauf von Kriegskochbüchern im Vereinshaus des Vaterländischen Frauenvereins in Herford

Kriegskochbücher
werden am Dienstag, den 23. Februar, vor-
mittags von 10 ½ bis 12 ½ Uhr im Ev. Vereins-
haus (Damenzimmer) verkauft. Preis 10 Pfg.
Vaterländiger Frauenverein.
Verein Frauenhülfe.

HK_1915.02.12_Kriegskochkurs_neu

Ankündigung aus dem Herforder Kreisblatt vom 12.02.1915 über einen Abendkurs in Koch- und Haushaltskunde in der Kochschule der Bürgerschule II in Herford (Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Zeitungssammlung)

Ankündigung aus dem Herforder Kreisblatt vom 12.2.1915 über einen Abendkurs in Koch- und Haushaltskunde in der Kochschule der Bürgerschule II in Herford:

Abendkursus
für Koch- und Haushaltskunde.
Zwecke des Kursus
ist die praktische Erlernung einer ganz beschränkten Anzahl Koch-
rezepte für die Zubereitung guter, billiger und kräftiger Kost im kleinen
Haushalt, sowie die Erwerbung der notwendigen Kenntnisse über den
Nährwert, den Einkauf und die Behandlung der marktgängigen Nah-
rungsmittel. Die Erlernung geschieht am Herde selbst.
Kreis der Besucherinnen.
Der Besuch ist allen Mädchen und Frauen gestattet, in
erster Linie aber bestimmt für Mädchen, welche die Eingehung der
Ehe beabsichtigen, aber infolge ihrer Beschäftigung auf der Fabrik
oder in anderer gewerblicher Arbeit in keiner Weise Gelegenheit
haben, die für die vernünftige und wirtschaftlich richtige Haushalts-
führung unbedingt notwendigen praktischen, sowie auch einige theore-
tische Kenntnisse zu erwerben.
Zeit des Kursus.
Anfang 22. Februar, Ende 20. März. 4 Wochen hindurch
sollen jede Woche an 3 Abenden von ½ 8 bis ½ 10 Uhr
die Kurse abgehalten werden, also wöchentlich 6 Stunden, im ganzen
24 Stunden erteilt werden.
Ort und Leitung.
Die mit 6 Herden und allen sonstigen Erfordernissen ausge-
stattete Kochschule der Bürgerschule II Unter den Linden wird
benutzt. Die Leitung übernimmt die hierfür besonders praktisch vor-
gebildete, bewährte Lehrerin für Koch- und Haushaltskunde an
der städtischen Bürgerschule.
Vergütung.
Beansprucht wird die Zahlung einer Gebühr von 3 Mark für
den ganzen Kursus. Jedoch wird dieselbe Frauen und Mädchen, welche zur Zahlung nicht glauben imstande zu sein, auch gern erlassen.
Die Meldungen werden
bis zum 20. Februar auf dem Rathause III, Zimmer Nr. 7, in
den gewöhnlichen Dienststunden entgegengenommen.
Herford, den 10. Febr. 1915.
Der Erste Bürgermeister:
Busse.

Auch wurden in den Zeitungen Rezepte veröffentlicht, wie z.B. im Herforder Kreisblatt vom 7. Dezember 1915 für eine Kartoffeltorte (Abb. 3), da die Kartoffel immer öfter als Ersatz für das von Kriegsbeginn an knapper werdende Mehl Einsatz fand, bis zum Winter 1916/1917 auch die Kartoffeln so knapp wurden, dass sie durch Steckrüben ersetzt werden mussten.

HK_1915.12.07_Rezept_Kartoffeltorte_neu

Rezept aus dem Herforder Kreisblatt vom 07.12.1915 für eine Kartoffel-Torte (Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Zeitungssammlung)

Rezept aus dem Herforder Kreisblatt vom 07.12.1915 für eine Kartoffel-Torte:

Kartoffel-Torte. Zutaten: 1 ¼ Pfund gekochte, geriebene Kar-
toffeln, ½ Pfund Zucker, 6 Eier, 1 Päckchen Reese-Backwunder, 10
Gramm Zimt, 3 Gramm Nelken, etwas Salz. Zubereitung: Zucker
und Eidotter rührt man schaumig, fügt die geriebenen Kartoffeln,
die Gewürze, das Backwunder hinzu und zuletzt das zu steifem
Schnee geschlagene Eiweiß. Den fertigen Teig füllt man in eine gut
gefettete Springform und bäckt die Torte rund 1 ¼ Stunde.

Diese Maßnahmen dienten nicht nur als Hilfestellung für die Frauen, sondern auch zur Beschönigung der Situation, indem gezeigt werden sollte, dass nur geringe Anpassungen nötig sind, um mit etwas weniger Nahrungsmitteln auskommen zu können, und zur Vorbeugung von Unruhen in der Bevölkerung.

Insgesamt wurde die ‚Heimatfront’ auf moralischer Ebene stark in den Krieg einbezogen und ihre Durchhaltekraft und Mithilfe als unerlässlich für den Sieg immer wieder betont. Mit zunehmender Nahrungsmittelknappheit stieg aber die Unzufriedenheit in der Bevölkerung und es kam doch vermehrt zu Unruhen und auch Streiks in Fabriken und Bergwerken. Gebracht hat es in den meisten Fällen allerdings nichts. Insgesamt starben während des Ersten Weltkrieges über 700.000 Menschen an Hunger und den Folgen von Unterernährung.

(Saskia Bruns, Stadtarchiv Herford)

Signatur: Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Zeitungssammlung

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Hartmann (Rödinghausen), 19.1.1915

Randbemerkung: Die alte 88 jährige Witwe Kosiek sagte, man müsse doch an uns[ere] Feinde denken, was sie litten. „Es sind doch auch Menschen.“

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Ernst Hartmann, Kirchengemeinde Rödinghausen, S. 36/19.01.1915

Signatur: LkA EKvW Best. 4.31 Abt. B HS 2 (Quelle); LkA EKvW W 15193 (Transkription)