Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Hartmann (Rödinghausen), 20.11.1916

Montagsarbeit. Schneeräumen vom Boden. Tauwetter. Monastir verloren! U[-Boot] „Deutschland“ gezwungen in den Ausgangshafen zurückzukehren wegen des Zusammenstoßes mit dem Schleppdampfer „Neckar“, der untergegangen ist. Die Nahrungsmittel werden so knapp & ich kann mich so schwer an die grobe Kost gewöhnen; werde es aber noch lernen müssen. Gott helfe unserm teuren Vaterlande & helfe mir, mich zu demütigen und stark zu werden!

Besuch bei Pörtner in Spelsiecks Kotten. Er ist in Urlaub aus Nähe von Riga spricht sehr abfällig über die Gründung Polens. Die Polen würden bei der ersten Gelegenheit zu unsern Feinden übergehen. Ich bekomme einen Brief von Musk[etier] Steube 6/67 zurück: „Vermißt“. Wird er sich haben gefangen nehmen lassen? Wie viel leichter läßt es sich doch singen & sagen: „und was nicht bebte war der Preußen Mut“ als tun. Buß & Bettag.

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Ernst Hartmann, Kirchengemeinde Rödinghausen, S. 118/20.11.1916

Signatur: LkA EKvW Best. 4.31 Abt. B HS 2 (Quelle); LkA EKvW W 15193 (Transkription)

Der Soldat und Flieger Rudolf Kisker (1889-1916) aus Bielefeld

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Rudolf Kisker (1889-1916), Foto ca. 1913, Privatarchiv Familie Kisker, Nr. 7

Rudolf Kisker wurde am 9.11. 1889 in Bielefeld als zweitältestes Kind des Webereifabrikanten Georg Kisker und seiner Frau Marie geboren. Im Jahr 1896 wurde er in die Vorschule zum Gymnasium und Realgymnasium in Bielefeld aufgenommen, die er bis 1899 besuchte. Nach bestandener Aufnahmeprüfung für die Sexta der weiterführenden Schule ging er bis zum Herbst 1900 auf das Gymnasium und Realgymnasium seiner Heimatstadt. Georg Kisker zufolge war sein Sohn ein „schwieriger, bockiger Junge, aber ehrlich, furchtlos und treu“ (Fi. AWK, 334). Dementsprechend schwer tat sich Rudolf Kisker mit der Schule.

Zur besseren Förderung schickten ihn seine Eltern deshalb nach Godesberg auf das evangelische Pädagogium, wo er in die Sexta aufgenommen wurde. 1906 bestand er dort die Prüfung zum Einjährig-Freiwilligendienst und kehrte anschließend – im Alter von 16 Jahren – nach Bielefeld zurück. Hier besuchte er die Obersekunda und Unterprima der städtischen Oberrealschule zu Bielefeld, wurde jedoch in der Unterprima nicht versetzt. Sein Vater gab daraufhin seiner Bitte nach, die Schule verlassen zu dürfen. Seine nächste Station war die Deutsche Kolonialschule in Witzenhausen, denn er strebte eine Kolonialtätigkeit als Farmer oder Pflanzer in Südwest-Afrika an. Nachdem er ein Praktikantenjahr absolviert hatte musste er die Kolonialschule jedoch aufgrund eines Schulverweises wieder verlassen.

Kiskers beruflichen Pläne richteten sich nun darauf, Landwirt in Deutschland zu werden. In den folgenden Jahren widmete er sich erfolgreich seiner landwirtschaftlichen Ausbildung in Theorie und Praxis und leistete zudem seine einjährige Dienstzeit und erste Übungen bei den Jägern zu Pferde in Erfurt ab. Nachdem er einige Monate die Landwirtschaftliche Hochschule in Berlin besucht hatte, erreichte ihn dort Ende Juli 1914 der Einberufungsbefehl: Der Erste Weltkrieg hatte begonnen.

Rudolf Kisker wurde zum Kürassier-Regiment von Driesen nach Münster beordert, mit dem er sofort nach der Mobilmachung als Vizewachtmeister bei der Bagage, die für das Gepäck zuständig war, in Belgien einrückte. Er war beim Vormarsch des rechten Flügels bis kurz vor Paris und dem anschließenden Rückzug nach Norden dabei. Er erhielt dann ein Kommando bei einem Infanterie-Regiment, das in Polen gegen die Russen kämpfte. Hier erkrankte er nach nur wenigen Tagen an einer schweren Bronchitis und wurde in ein heimatliches Lazarett geschickt. Wieder zurück bei den Erfurter Jägern, wurde er Ausbildungsoffizier bei der Ersatzschwadron.

Seine Pläne richteten sich in der Folgezeit darauf, Flieger zu werden, was ihm auch gelang: Zur Fliegertruppe versetzt und in Leipzig ausgebildet, wurde er im Oktober 1915 an die Front nach Belgien befohlen, wo er vor allem im Fliegerlager von Menin bei Courtrai als Aufklärungsflieger tätig war. Nur wenige Wochen nach einem Heimaturlaub in Bielefeld wurde Rudolf Kiskers Flugzeug am 29. Juli 1916 im Luftkampf durch ein englisches Geschwader über Zandvorde bei Ypern abgeschossen. Mit ihm starb sein Beobachter Leutnant vom Holtz. Nach der Überführung der Leichen wurde Rudolf Kisker am 4. August 1916 auf dem Bielefelder Sennefriedhof beigesetzt.

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Der Grabstein Rudolf Kiskers auf dem Sennefriedhof (Foto: E.-M. Hartmann)

(Eva-Maria Hartmann, Privatarchiv Familie Kisker, Bielefeld)

Foto: Rudolf Kisker in Uniform mit Pickelhaube, aufgenommen 1913 (oder 1914) in Erfurt bei den Jägern zu Pferde (in Erfurt: Ableistung der einjährigen Dienstzeit und erster Übungen)

Signatur: Privatarchiv Familie Kisker, Nr. 7 (Foto); Firmenarchiv A.W. Kisker, Nr. 334

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Hartmann (Rödinghausen), 3.3.1916

Strahlendes Wetter nach leichtem Nachtfrost. Ich stelle fest, daß ich in der Lage bin an Kriegsanleihe zu zeichnen 1. Stiftung 3.000 M[ark] 2. Roland 800 M[ark]. 3. Ich 1.000 M[ark]. Besuch von Vogtschmidt Westk[ilver], der einen Taufschein für seinen Sohn Heinrich holt, der auf Wangerooge heiraten will. Beerdigung des durch Verbrennung (heiße Milch) versehrten & dann gest[orbenen] Kindes Dettmer. Der Kriegsgefangene (Pole) [Name], Arbeiter bei Col[on] Grothaus, trug den Sarg mit zu Grabe. – H[er]r Wegener, der auch einen Einberufungsbefehl erhalten hatte, ist telegrafisch wieder freigegeben. – Eine Karte von Heini Lampe und Mar[ine-]Pf[arre]r Müller aus dem Schwarzen Meer.

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Ernst Hartmann, Kirchengemeinde Rödinghausen, S. 80/03.03.1916

Signatur: LkA EKvW Best. 4.31 Abt. B HS 2 (Quelle); LkA EKvW W 15193 (Transkription)

„Die polnischen Weiber vermochten nicht ihren Tränen zu wehren“ … – Eindrücke des Abiturienten Gerhard Päschke in Posen

Gerhard Päschke, angehender Student der Evangelischen Theologie an der Theologischen Schule Bethel, war am 5.9.1897 in Sandberg / Posen geboren worden. Er war der einzige Sohn des dortigen Pastors Paeschke. Den ersten Unterricht erhielt er gemeinsam mit seinen Schwestern durch Erzieherinnen. Der Vater hingegen bereitete ihn im Lateinischen vor, bis er in die Untertertia des Gymnasiums zu Rawitsch aufgenommen wurde. Der Aufenthalt dort aber sagte Gerhard Päschke so wenig zu, dass er nach zwei Jahren – mit der Versetzung nach Sekunda – auf das Comenius-Gymnasium in Lissa wechselte. Hier bestand er am 13. März 1915 die Reifeprüfung, und zwar als einziger Abiturient, weil er bei Ausbruch des Krieges noch nicht 17 Jahre alt war und deshalb die Notprüfung nicht hatte mitmachen dürfen. „Da ich mich für das theologische Studium erst in letzter Zeit entschloß, habe ich am hebräischen Unterricht in der Schule nicht teilgenommen, und daher habe ich die Absicht, mich in Bethel für das Hebraikum vorzubereiten. Falls ich in die theologische Schule aufgenommen werde, gedenke ich am Montag den 26.IV. einzutreffen und bitte, mir eine möglichst freundliche Wohnung bereit zu halten.“ (aus einem Brief von Gerhard Paeschke, Sandberg, 19.3.1915, an Pastor Frick, Bethel).

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Sandberg, 16.8. [19]15.

Sehr geehrter Herr Pastor!

Für die Übersendung der Zeugnisse, die eben ankommen, danke ich Ihnen. Das Münsterer Zeugnis zeigt mir schwarz auf weiß einen Erfolg des Betheler Semesters. Welche weiteren Früchte die dort an mir geleistete Arbeit tragen wird, das wird das Studium u. das Leben zeigen, und der beste Dank, den ich Ihnen besonders bringen kann, wird darin bestehen, daß ich alles, was ich dort habe aufnehmen dürfen, in treuer Arbeit verwerte. Für das nächste Semester hatte ich schon Kiel fest in [2] Aussicht genommen. Doch zu meiner Betrübnis mußte ich im Reichsboten von dem jähen Tode Seebergs lesen. Deswegen ist mein Entschluß ins Schwanken geraten. Um nun im Anfang gründlich Kirchengeschichte zu studieren, werde ich wohl nach Leipzig gehen, zu den Sachsen. Die sind wenigstens noch Deutsche, was man von den lieben Polen leider nicht sagen kann.
Daß sie zu irgend einem Siege flaggen sollten, kann man wohl kaum verlangen. Eher hätte man das von einem kathol[ischen] Krankenhause erwartet, in dem 80 Verwundete liegen. Bei Warschau brach das Volk in offene Klagen aus, u. die polnischen Weiber vermochten nicht ihren Tränen zu wehren. Als ich hier [3] zurückkam, fiel es mir deutlich auf, wie das Polentum während des Krieges gewachsen ist. Da ich selbst nicht polnisch verstehe, komme ich mir auf der Straße  u. in den Läden wie ein Ausländer vor, der sich zu freuen hat, wenn man sich aus lauter Güte herabläßt, mit ihm deutsch zu sprechen. Hoffentlich wird das nach dem Kriege anders, wie es mit Vielem jetzt schon anders geworden ist. Mit Güte ist bei den Herren hier nichts anzufangen. Die kriegsgefangenen, zur Erntearbeit herangezogenen Russen reißen in Scharen mit Hilfe der Polen aus, sodaß jetzt Franzosen geholt werden sollen. Während wir hier in anderen Jahren reiche Weizen- und Rübenernte hatten, [4] ist es dieses Jahr nur mittelmäßig, zumal da das Regenwetter der letzten Wochen den Weizen hat schwarz werden lassen. Wegen des großen Futtermangels wird das Vieh allmählich weiter abgeschlachtet. Aber satt werden wir hier auch noch werden, wie es alle Landwirte zugeben. Und da es ja jetzt in „Gewaltmärschen“ vorwärts geht, wird die nächste Ernte in Frieden heimgeholt werden können.

Mit ergebenem Gruß
Ihr dankbarer Gerhard Päschke.

(Eva-Maria Hartmann, Bielefeld)

Signatur: LkA EKvW 13.99 Nr. 1469/1