Tabea. Mitteilungen aus dem Diakonissenhause in Detmold, Januar 1917

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Tabea
Mitteilungen aus dem Diakonissenhause in Detmold (PDF-Download)
No. 1, Januar 1917

Aus Feldbriefen unserer Schwester

Eine Schwester schreibt von der Westfront:
Ich könnte Ihnen sehr viel Interessantes erzählen, aber ich darf und will nichts ausplaudern, nur wünschen, daß Gott ein glückliches Gelingen gibt zu all den Plänen, nach denen hier gearbeitet wird. Und mag der Wall, den deutsche Männer erneut befestigen zum Schutze der Heimat ein Prellblock werden, an dem unsere Gegner zerschellen. Wir werden im kommenden Frühjahr vielleicht noch Furchtbareres erleben als im vergangenen Sommer , da die furchtbare Sommeschlacht tobte, aber, nachdem unsere Gegner die dargereichte Friedenshand unseres Kaisers so verächtlich zurückgewiesen haben, sagt man sich, daß es eben nicht anders sein kann, wenn wir jetzt die allerschärfsten Maßregeln ergreifen, um den Krieg weiterzuführen und dann, wills Gott, den Feind zum Frieden zwingen. Wie denkt man in der Heimat jetzt, nachdem keine Hoffnungen auf baldigen Frieden mehr bestehen? Hoffentlich herrscht dort wie hier dieselbe Entschlossenheit und der Wille zum Durchhalten.

Unser östlicher Schwesterntrupp wurde an die mazedonische Front versetzt. Den Briefen der Schwestern entnehmen wir:

Belgrad: — Ehe es wieder weiter geht, will ich Ihnen herzliche Grüße senden, die ersten vom serbischen Boden. Unser Abkommando nach Uesküb kam ein bisschen plötzlich. Mittags um 12 Uhr erfuhren wir es und um 3 Uhr mußte sämtliches Gepäck fertig sein, um 5 Uhr fuhren wir bereits selbst. Es tat uns doch leid, uns von all denen zu trennen, mit denen wir fast zwei Jahre zusammen gewesen waren. Der Trennungsschmerz ist allerdings all den neuen Eindrücken gegenüber schon fast verschwunden. Unsere vorgeschriebene Reiseroute ging über Berlin, Dresden, Wien. In Berlin mußten wir einen 1 tägigen Aufenthalt nehmen. Dort haben wir deutsche Kost in vollen Zügen genossen und auch die Wohltat eines guten Bettes. In Dresden, wo wir einen mehrstündigen Aufenthalt hatten, nahmen wir die Gelegenheit wahr, einen Abstecher in die Stadt zu machen. Wir besichtigten das königliche Schloß, die Hofkirche und das Georgstor, allerdings nur von außen, mehr Zeit blieb und nicht. Den schönsten Teil Sachsens und den oberen Teil von Oesterreich durchfuhren wir leider bei Nacht, unsere Augen, die die Dunkelheit durchdringen suchten, konnten leider nur die Umrisse wahrnehmen. Am Montag morgen waren wir in Wien, von der Stadt selbst konnten wir nichts sehen, weil sehr nebliges Wetter war. Eine kleine Katzenwäsche an der dortigen Bahnhofspumpe zu halten, soviel Zeit blieb uns gerade. Im Wagen selbst war kein Wasser vorhanden und somit waren wir genötigt, an der Pumpe die kleine Reinigung vorzunehmen, mit den Feldgrauen, die mir uns fuhren, um die Wette. Dann ging es weiter, kurz vor Budapest passierten wir die Stelle, wo sich vor Tagen ein Eisenbahnunglück zutrug. Es war nicht möglich gewesen, alles zu beseitigen, vollständig zertrümmerte Eisenbahnwagen lagen auf dem Gleise, die furchtbar mitgenommene Maschine war aufrecht stehen geblieben, auf einer Wiese lagen Fensterscheiben, Gepäckstücke und dergl[eichen] mehr. Auf der Rampe des Güterschuppens waren die Leichen aufgebahrt, deren Personalien noch nicht festgestellt waren. Ein Bild des Grauens. – Um 4 Uhr waren wir in Budapest, einer hübschgelegenen Stadt, dort wurde von einem Oesterreicher die Gründliche Reinigung unserer Abteile vorgenommen, die allerdings recht nötig war.

[…]

Sehr interessant und anziehend ist für uns das Türkenviertel. Man entdeckt dort immer wieder was Anderes und Neues. Vor einigen Tagen haben wir einem Harem einen Besuch abgestattet. An den eng vergitterten Fenstern, durch die kein Auge hindurchdringen kann, erkennt man schon von außen die Frauenhäuser und im Türkenviertel gibt es viel solcher. Wir klopften an die Tür eines solchen Hauses und unser Versuch gelang. Die Tür wurde vorsichtig geöffnet und ein Mädchenkopf lugte durch den Spalt, im nächsten Augenblick war er auch schon wieder verschwunden und die Tür flog zu. Gerade wollten wir weiter ziehen, als die Tür sich wieder öffnete und eine ältere Frau uns durch Zeichen höflich aufforderte, einzutreten. Ueber einen hübschen Flur wurden wir in ein Zimmer geführt, wahrscheinlich das Wohnzimmerder Familie, in welchem die Frauen und einige Kinder des Hauses auf dem Fußboden um ein kupfernes Kohlenbrocken hockten. Rings an den Wänden standen hohe und niedrige Tiwane. Eine blitzende Sauberkeit, die ich hier unten niemals gesucht hätte, strahlte uns aus allen Ecken entgegen. Nach Türkensitte wurden uns gleich einige Plätze auf dem Fußboden um das Kohlenbecken eingeräumt, wohl oder über mußten wir uns auf dem Fußboden niederlassen. Sehr leid tat es uns um die schönen Teppiche, die durch unsere sehr unsauberen Stiefel beschmutzt wurden. (Die Türken tragen im Hause nie Schuhe, die für draußen bestimmt sind.) Kaum hatten wir uns niedergelassen, als die jüngste der Frauen eiligst verschwand, um bald darauf mit einem zierlichen Tablett zu erscheinen. Einer jeden von uns wurde ein Glas Wasser gereicht, ein niedliches Schälchen und dazu echter Bienenhonig. Wir glaubten nun der Sitte gemäß zu handeln, indem wir etwas Honig zu dem Wasser taten und ihn darin aufzulösen versuchten, es gelang uns aber nicht. Auch sahen wir, daß die Frauen mit ziemlich erstaunten Gesichtern unser Tun verfolgten. Eine von ihnen kam auf den schlauen Gedanken, es uns vorzumachen, und da sahen wir, wie es gemacht wurde. Sie nahm mit dem Löffelchen etwas Honig, aß ihn und spülte danach den Löffel im Glase.

[…]

Signatur: Landeskirchliches Archiv Detmold, Archiv der Kirchengemeinde Lüdenhausen

Transkription: Kristina Ruppel, Landeskirchliches Archiv Detmold

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Heimatgrüße der Kirchengemeinde Lüdenhausen, 3/1914

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„Schütz Dich Gott!“ Heimatgrüße für die Soldaten der Gemeinde Lüdenhausen (Lippe) Nr. 3 / 1914 (Ausschnitt)

Ihr lieben Gemeindeglieder draußen im Felde!
Ein großes, heiliges Vorrecht haben wir Deutschen vor all unseren Feinden: wir dürfen Gott um den Sieg unserer Waffen bitten! Nicht England noch Frankreich, nicht Belgien noch Serbien, nicht Rußland noch Japan, nein, nur Oesterreich und Deutschland kann dem heiligen, gerechten Gott demütig bittend nahen, weil heilig und gerecht unsere Sache ist. Und Lob und Dank unserem Kaiser, daß er uns diese unzerbrechliche Waffe gegeben hat!

Download der Ausgabe 3 / 1914

Signatur: Landeskirchliches Archiv Detmold, Archiv der Kirchengemeinde Lüdenhausen

„Im Zeichen der Kriegsbegeisterung“ – Lippische Landeszeitung am 27. Juli 1914

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Lippische Landeszeitung 27. Juli 1914 (LAV NRW OWL)

Lippisches
Detmold, 27. Juli
In schreiendem Gegensatz zum vorletzten Sonntag stand der gestrige Tag. Konnten wir vorigesmal von hellem Sonnenschein und harmlos fröhlichen Menschen berichten, die sich der Festfreude auf dem Bruchmarkte hingaben, so stand der gestrige Sonntag  i m  Z e i c h e n  d e r  K r i e g s b e g e i s t e r u n g. Die Gastwirtschaften und Erholungslokale waren von Menschen überfüllt, und eine außerordentliche Begeisterung für die hochwichtigen Tagesereignisse machte sich allenthalben bemerkbar. Dafür waren die Promenaden desto einsamer, denn es wehte ein unfreundlicher Wind, und eine Regenwolke jagte die andere. So laut aber auch die Kriegsbegeisterung sich äußerte, so ist sicherlich in manchem Herzen ernste Sorge eingekehrt, denn, sollte das Ungeheure wirklich geschehen und ein allgemeiner Völker- und Rassenkrieg ausbrechen, so wird es ohne Frage Ströme von Blut kosten und viele Millionen an Nationalvermögen werden vernichtet werden. Ist ein Krieg immer und unter allen Umständen ein Unglück, so würde es ein solches bei den furchtbaren Waffen der Neuzeit doppelt und dreifach sein. Wer aber wollte nicht mit der Möglichkeit, ja mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, dass auch Deutschland an dem blutigen Ringen sich wird beteiligen müssen?! Da seufzt so mancher junge Geschäftsmann: Mein blühendes Geschäft muß ich in fremden Händen zurücklassen, und wenn die, denen ich es anvertraue, treulos oder nachlässig sind, wer ersetzt mir und den Meinen den Verlust? Und so hat jeder sein Leid zu klagen, der eine dies, der andere das. Vielleicht möchte einer sagen: Wenn diesmal Deutschland in den Krieg ziehen muß, so wird es wohl nicht mit jener flammenden Begeisterung geschehen, mit der die Siege von Weißenburg, Wörth, Spichern und Sedan errungen wurden ….
Und doch! Machen wir uns die Lage klar! Es würde doch kaum anders sein wie in der großen Zeit von 1870/71. Einstweilen wird der Krieg zwischen Oesterreich und Serbien geführt, und das Recht, diesen Krieg zu führen, wird ein patriotisch fühlender Deutscher dem österreichischen Bundesbruder nicht abstreiten wollen. Sollte sich Russland wirklich einmischen, so ist es – vergessen wir das nicht! – auf eine Demütigung des Dreibundes abgesehen. Sollte gar Frankreich sich einmischen, so will es nichts anders, als unser aufblühendes und erstarkendes Vaterland zu Boden drücken. Und gegen solche Gefühle werden wir Deutschen alle wie ein Mann stehen. Mit Donnerhall wird die Kriegsbegeisterung wieder auflodern, wie in der großen Zeit des deutsch-französischen Krieges, und der furor teutonicus wird mit alter Kraft, aber mit neuen Waffen hervorbrechen und die heiligsten Güter der Welt mit Blut und Eisen zu verteidigen wissen.

Historische Einordnung

Wenige Tage vor Kriegsbeginn lassen sich für beides, für nationale Kriegsbegeisterung, aber auch für eine verbreitete Verunsicherung, Niedergeschlagenheit und Zukunftssorge Belege in der regionalen Presse finden. Als die Lippische Landeszeitung über den letzten Sonntag im Juli 1914 berichtete, wird die Ambivalenz der Stimmungen nicht verschwiegen. Der Sonntag, 26. Juli, habe in Detmold „im Zeichen der Kriegsbegeisterung“ gestanden. Die Gastwirtschaften und Ausflugslokale seien von Menschen überfüllt gewesen, und „eine außerordentliche Begeisterung für die hochwichtigen Tagesereignisse machte sich allenthalben bemerkbar“. Doch dann ließ der Verfasser des Artikels bemerkenswert nachdenkliche Äußerungen folgen: „So laut aber auch die Kriegsbegeisterung sich äußerte, so ist sicherlich in manchem Herzen ernste Sorge eingekehrt, denn, sollte das Ungeheure wirklich geschehen und ein allgemeiner Völker- und Rassenkrieg ausbrechen, so wird er ohne Frage Ströme von Blut kosten und viele Millionen an Nationalvermögen werden vernichtet werden.“ Während vor allem die jungen Männer eine abenteuerliche „Kriegsfahrt“ erwarteten, die spätestens zum Jahresende siegreich beendet werden sollte, war die in der Lippischen Landeszeitung skizzierte Perspektive eine andere. So heißt es dort weiter: „Ist ein Krieg immer und unter allen Umständen ein Unglück, so würde es ein solches bei den furchtbaren Waffen der Neuzeit doppelt und dreifach sein.“ Der Verfasser stellte fest, dass die Deutschen „wohl nicht mit jener flammenden Begeisterung“ wie 1870/71 in den Krieg ziehen würden, es sei denn, Frankreich würde intervenieren. In diesem Fall ließ sich der Verfasser des Artikels einen gedanklichen Ausweg, der bekanntlich bald begangen wurde. Alles in allem machte man sich auch in der Provinz keine Illusionen über die Realität des Krieges. Dass ein industrialisierter Massenkrieg andere Dimensionen als die Einigungskriege haben würde, war nicht nur den Publizisten klar.

(Dr. Bärbel Sunderbrink, Stadtarchiv Detmold)

Signatur: Lippische Landeszeitung 27. Juli 1914 (LAV NRW OWL)

Foto „Überlandflug nach Serbien“, Manöver in Senne, 26.7.1914

001_0002Atelier-Fotografie vom Truppenübungsplatz Senne, 26. Juli 1914 (Foto: Kreisarchiv Paderborn)

„Wer wir wir fidel gewest,
Für den ist die Senne
das schönste Nest.“

„26/7.14
Überlandflug
nach Serbien“

Brennt noch so heiß
der Sennestrand,
Nichts trennet unser
Freundschaftsband.“

Der in den 1890er Jahren errichtete Truppenübungsplatz in der Senne bei Paderborn stellte an die Soldaten „höchste Ansprüche“ und war entsprechend gefürchtet. Viele ließen sich am Ende der Manöverzeit fotografieren. Ein offenbar florierender Markt, denn es gab mehrere Fotografen in Sennelager. Am 26. Juli 1914 stellte der Fotograf W. Metze diese Abbildung mit den drei „fliegenden“ Soldaten her. Zu den Requisiten gehörte auch das Schild „Überlandflug nach Serbien“, Indiz für propagandistisch gesteuerte Kriegsbegeisterung.

Bereits am Tag darauf erhielten alle in der Senne übenden Truppen den Befehl, wegen „drohender Kriegsgefahr“ den Übungsplatz zu verlassen und in die Heimatstandorte zurückzukehren. Einer der drei abgebildeten Soldaten schickte das Erinnerungsfoto am 29. Juli seiner Schwester und ihrem Mann nach Solingen: „teile Euch eben mit, daß wir diese Nacht abgerückt sind aus der Senne, es ist sehr schlimm gestellt.“ Von kriegerischer Begeisterung also keine Spur.

(Wilhelm Grabe, Kreisarchiv Paderborn)