Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Hartmann (Rödinghausen), 1.11.1917

Da die Gefangenen-Zahl in Italien auf 180.000 & 1.500 Geschütze gestiegen ist, flagge ich. Sieg am Tagliamento hatte noch 60.000 Gefangene hinzugebracht. Abends im Nebelregen mit Rieke nach Ostkilver zu Mailänder b[is] 10 [Uhr] & zu Col[on] Meier. Bei letztern wird der Freude über Italien ein Dämpfer aufgesetzt: Es heißt, die ganze westfäl[ische] Division sei am „Damenweg“ gefangen. Siegbert Seippel wird vermißt. Friedr[ich] Obersundermeier schwer verwundet.

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Ernst Hartmann, Kirchengemeinde Rödinghausen, S. 168/01.11.1917

Signatur: LkA EKvW Best. 4.31 Abt. B HS 2 (Quelle); LkA EKvW W 15193 (Transkription)

Das Scheitern der Friedensinitiativen im Vorfeld des Kriegseintritts der USA 1917

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Aufruf Kaiser Wilhelm II. „An das deutsche Volk“ vom 12.1.1917 (Signatur: LAV NRW OWL D 81 Nr. 7)

Plakat mit dem Titel: Aufruf Kaiser Wilhelm II. „An das deutsche Volk“ vom 12.1.1917
Maße: 46 x 31 (H/B)
Signatur: LAV NRW OWL (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen Abteilung Ostwestfalen-Lippe) D 81 Nr. 7

Plakattyp: Bekanntmachungsplakat
(aus Bestand Regierungsakten LAV NRW OWL L 75 XIII Nr. 3, 1 weiteres Exemplar)

Beschreibung:
Eine zornige Frau mit erhobenem Schwert steht vor einer zornigen Volksmasse; im Hintergrund ist ein großer fliegender Adler zu sehen. Die Blicke der Masse, des Greifvogels und der Frau sind in die Richtung des Betrachters, in die Ferne, ausgerichtet

Inhalt:
Kaiser Wilhelm II. wendet sich an das deutsche Volk. Er erklärt, dass die Feinde Deutschlands demaskiert seien, indem sie das Friedensverhandlungsangebot des Deutschen Reiches abgelehnt und nunmehr den Vereinigten Staaten von Amerika gegenüber ihre Kriegsziele eröffnet haben, die er als „Eroberungssucht“ bewertet und „schändlich“ nennt.
Es folgen eine Erinnerung an die Tapferkeit und die Siege der Truppen sowie der Aufruf zum weiteren Kampf und dem Erdulden der Opfer mit der Aussicht auf einen Sieg mit Hilfe Gottes.

Transkription:

An das deutsche Volk!
Unsere Feinde haben die Maske fallen lassen. Erst haben sie mit Hohn und mit heuchlerischen Worten von Freiheitsliebe und Menschlichkeit unser ehrliches Friedensangebot zurückgewiesen. In ihrer Antwort an die Vereinigten Staaten haben sie sich jetzt darüber hinaus zu ihrer Eroberungssucht bekannt, deren Schändlichkeit durch ihre verleumderische Begründung noch gesteigert wird.
Ihr Ziel ist die Niederwerfung Deutschland, die Zerstückelung der mit uns verbündeten Mächte und die Knechtung der Freiheit Europas und der Meere unter dasselbe Joch, das zähneknirschend jetzt Griechenland trägt.
Aber was sie in dreißig Monaten des blutigen Kampfes und des gewissenlosen Wirtschaftskrieges nicht erreichen konnten, das werden sie auch in aller Zukunft nicht vollbringen.
Unsere glorreichen Siege und die eherne Willenskraft, mit der unser kämpfendes Volk vor dem Feinde und daheim jedwede Mühsal und Not des Krieges getragen hat, bürgen dafür, daß unser geliebtes Vaterland auch fernerhin nichts zu befürchten hat.

Hellflammende Entrüstung und heiliger Zorn
werden jedes deutschen Mannes und Weibes Kraft verdoppeln,

gleichviel, ob sie dem Kampf, der Arbeit oder dem opferbereiten Dulden geweiht ist.
Der Gott, der diesen heiligen Geist der Freiheit in unseres tapferen Volkes Herz gepflanzt hat, wird uns und unseren treuen, sturmerprobten Verbündeten auch den vollen Sieg über alle feindselige Machtgier und Vernichtungswut geben.

Großes Hauptquartier, 12. Januar 1917.                 Wilhelm I.R. [Imperator Rex (lat.), Kaiser und König]

Vor dem Kriegseintritt der USA am 6. Februar 1917 scheiterte die Friedensinitiative Präsident Wilsons und der „uneingeschränkte U-Bootkrieg des Deutschen Reiches begann, auf den die Kriegserklärung der USA folgte, deren Eingreifen sich kriegsentscheidend auswirkte.

Unmittelbarer Hintergrund des Plakates ist die amerikanische Friedensinitiative von 1916, der die Mittelmächte mit einer eigenen Friedensinitiative zuvorkommen wollten. Am 12.12.1916 verlas der im Reich stark unter Druck geratenen Reichskanzler Bethmann-Hollweg das Angebot des vor dem Deutschen Reichstag. Die Vorschläge der Reichsregierung betonten ausdrücklich die Verhandlungsbereitschaft aus einer Position der Stärke heraus und bleiben vage in Bezug auf die konkreten Zugeständnisse. So stellten sie die im Septemberprogramm von 1914 beinhalteten Annexionsziele des Deutschen Reiches in keiner Weise in Frage und sahen auch keine nennenswerte Rückgabe eroberten Gebietes vor. Die Friedensinitiative wird häufig als Versuch gewertet, die noch neutralen USA möglichst aus dem Krieg herauszuhalten und den bereits geplanten, am 1.2.1917 seitens des Deutschen Reiches beginnenden, uneingeschränkten U-Bootkrieg propagandistisch vorzubereiten und mit der mangelnden Friedenswilligkeit der Entente zu begründen. Das Angebot wurde von der Entente bereits am 30.12.1916 als nicht ernst zu nehmen und auf  unzutreffenden Grundannahmen basierend abgelehnt.

Am 5.1. 1917 rief Kaiser Wilhelm II. in seiner Neujahrsbotschaft seine Truppen zu unvermindertem Kampf auf. Die Entente-Mächte unterbreiteten ihre Ziele am 10.1.1917. Frankreich wollte die Rückgabe Elsass-Lothringens; es stellte sich daneben die Zerschlagung  („écrasement“) des Deutschen Reiches vor, während Großbritannien die Wiederherstellung Belgiens forderte, daneben die deutsche „Weltmachtpolitik“ beenden wollte durch die Zerstörung der Flotte, die Aufteilung der Kolonien und die Beschränkung des deutschen Anteils am Welthandel. Auf diese Ziele der Alliierten verweist der Texts des Propagandaplakates ausdrücklich.

Das Verhältnis zu den USA wurde seitens Deutschlands durch das sogenannte Zimmermann-Telegramm an Mexiko vom 17.1.1917 stark unterminiert, das Mexiko deutsche Unterstützung gegen die USA anbot. Auch das Beharren des Deutschen Reiches auf den Einsatz von Tausenden von Belgiern als Zwangsarbeiter war ein dauerndes Thema der Auseinandersetzung neben den Angriffen der deutschen U-Boote auf amerikanische Schiffe. Mit seiner Rede vom 22.1.1917 hatte Wilson vor dem in der Mehrheit der Neutralität geneigten Kongress einen „Frieden ohne Sieg“ gefordert. Allerdings hatte er zu dem Zeitpunkt bereits die Alliierten durch Lieferungen unterstützt. Am 26.1. unterbreitete Wilson ein weiteres Angebot, das alle Kriegsführenden auf einer gemeinsamen Konferenz zu Gesprächen zusammenbringen sollte. Am 28.1.1917 lehnte die deutsche Regierung Wilsons Friedensbotschaft ab, die Entscheidung für den U-Bootkrieg war gefallen. Heeresleitung und Politiker waren überzeugt, dass ein Kriegseintritt der USA nicht kriegsentscheidend sein würde, da man meinte, die Truppentransporte kämen nicht bis Europa durch und man sei in der Lage, England bis zum Sommer mittels des Einsatzes der U-Bootwaffe zu besiegen und zum Frieden zu zwingen.

Der Hinweis auf Griechenland bezieht sich auf den Einmarsch der Alliierten 1915, der auf keine nennenswerten Widerstände des mit den Mittelmächten sympathisierenden Landes stieß, das sich  ab 1917 den Alliierten zuwandte. Der Hinweis auf den „Wirtschaftskrieg“ verweist auf die Seeblockade der englischen Home Fleet, die den Mittelmächten den Nachschub durch Importe abschnitt. Diese Blockade wurde bald „Hungerblockade“ genannt und war ein weiteres Argument für den „uneingeschränkten U-Bootkrieg“.

Symbolik: Der Adler kann als Repräsentant des Reichsadlers und damit einer Verkörperung Deutschlands gewertet werden. Dies gilt ebenso für die dargestellte Frau als Symbol der Germania, ein weit verbreitetes Symbol, das sowohl in der politischen Karikatur des 19. Jahrhunderts weit verbreitet war und sich zum Beispiel im Niederwalddenkmal bei Rüdesheim am Rhein (1871, in Gedenken an den Sieg über Frankreich) großer Popularität erfreute. In Bezug auf ein Auftreten weiblicher Verkörperung von Tugenden oder Nationen in Zeiten der Bedrohung stellt diese Figur ein typisches Gestaltungselement dar.

Bearbeitung: Heike Fiedler M.A. Archivpädagogin, mit Unterstützung von Dr. Hermann Niebuhr, Landesarchiv NRW Abteilung OWL

Link zum Angebot des Archivpädagogischen Dienstes der Abteilung Ostwestfalen-Lippe in Detmold

Weiterführende Literatur/ Internetquellen:

  • Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914-1949. München 2003, S. 26-38; S. 39-47; S. 117 f.; S. 167 ff..
  • Hirschfeld, Gerhard/ Krumeich, Gerd / Renz, Irina (Hg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn, München, Wien, Zürich 2009, S. 508-512.
  • Brandt, Bettina: Germania und ihre Söhne. Repräsentation von Nation, Geschlecht und Politik in der Moderne. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2010.
  • www.dhm.de/lemo/html/1916

Aus dem Tagebuch von Hedwig Stegemann, Herford, 26.8.1915

Am 26. August [1915] habe ich im Lazarett mächtig geschuftet. Das Apfelmus musste nämlich 3 Stunden gerührt werden. Schade, daß die Soldaten nicht mehr helfen dürfen, aber es darf keiner mehr in die Küche kommen.

Als wir gerade beim Kaffeetisch saßen, läuteten die Glocken: Brest Litowk war gefallen. Abends war ich noch bis ½ 11 Uhr auf dem alten Markte zur Siegesfeier. Als ich bei Beiners das Extra-Blatt las, kam der verlorene Sohn um die Ecke gefegt, natürlich von Salzuflen.

Quelle: Das Tagebuch der Hedwig Stegemann aus Herford im Ersten Weltkrieg (1.1.1914-10.5.1918)

Signatur: Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Slg. E 521 (Transkription C. Laue)

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Hartmann (Rödinghausen), 4.5.1915

In der Frühe mit dem Omnibus nach Bielefeld. Auf der Bahn laufen die tollsten Zahlen des gestrigen Sieges um. Es werden genaue Zahlen genannt. 110.000 Gefangene 250.000 Pferde 25 Lazarettzüge. Das ist die Folge davon, wenn ein großer Sieg verkündigt ist, aber nichts näheres. Die Gefangenen schrumpfen auf 20.000 ja 8.000 zusammen. Immerhin taktisch scheints ein großer Sieg zu sein. Überall Fahnen heraus, Schulen haben siegfrei.

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Ernst Hartmann, Kirchengemeinde Rödinghausen, S. 49/04.05.1915

Signatur: LkA EKvW Best. 4.31 Abt. B HS 2 (Quelle); LkA EKvW W 15193 (Transkription)

Feldpost von Soldat Gustav Meyer an Pfarrer Münter in Werther, 25.3.1915

Feldpostbrief

Im Felde d. 25.3.15

Hoch geehrter Herr Pfarrer [Münter]

Für Ihren lieben Brief mit den Einlagen sage ich hiermit meinen besten Dank. Leider merkt man hier im Kriege nichts von der stillen herzlichen Passionszeit, die meines Erachtens die schönste Zeit in der Kirchengeschichte ist, wo jeder fromme Christ mit den Gedanken im ganzen umgeht und sich sagt: Dieses ist die Zeit wo dein Jesus Christus anfing für dich zu leiden: Und so danke euch ich jetzt während des Krieges! Herr Pfarrer, Sie haben ja auch von den Siegen in Ost und West viel gehört, auch haben unsere Offiziere und Mannschaften viel geleistet eben wie durch Gottes Hilfe sind wir zu dem gekommen was wir bis jetzt geleistet haben. Unsere in der lieben Heimat stützen sich ja auch auf unser großes Heer, es hat so ja auch was geleistet eben wie durch Gotteshilfe welche ich selber auch schon gemerkt habe und von mir sagen kann. Zu unserm Herrgott wollen wir danken für die vielen Siege der nicht will, daß unser deutsches Vaterland vom nichtswürdigen Feinde unterjocht werden soll. Wie gerne möchte ich mal wieder bei Euch meinen Dankgottesdienst bei machen, aber  es ist mir nun noch nicht vergönnt. Hoffendlich (sic!) sehe ich gesund die Heimat wieder, dann werde ich nicht versäumen Gott für alles zu danken, für die Siege, so wie das er auch mich vor Not, Krankheit und für (sic!) die Feinde im Hinterhalt beschützt hat. Wir alle wollen hoffen, Herr Pfarrer, daß  uns unser lieber Herrgott recht bald einen recht langen langen Frieden gibt und weiter mit unseren deutschen Waffen ist wie bisher so daß der Sieg auch weiter unser bliebt. Für die zugesandten Blätter nochmals besten Dank. In dem ich Ihnen alles gute Wünsche und hoffe, daß Sie dieser Brief bei der besten Gesundheit antreffe, so wie er mich verläßt bin ich mit aller Ergebenheit

Ihr
Gustav Meyer

fröhliche Ostern

(Raphael Hennecke, Bielefeld)

Signatur: LkA EKvW 4.81 Nr. 501

Aus dem Tagebuch von Hedwig Stegemann, Herford, 12.10.1914

Sonnabend morgen läuteten nach vielen bangen Wochen endlich einmal wieder die Siegesglocken. Wie feierlich das doch klingt! Ich lag noch im bette, wie konnte ich

Da aber heraus! Bei offenem Fenster habe ich mich angezogen, nur um das herrliche Glockengeläute zu hören. Antwerpen war nach 12tägiger Belagerung gefallen!
Mutter ist nun schon seit Freitag vor acht Tagen vereist, hoffentlich erscheint sie in diesen Tagen wieder. Es ist ganz schön, aber allerhand zu tun habe ich doch.
Gelangweilt habe ich mich noch nie, ich glaube es ist gar nicht möglich, das ich mal lange Weile habe.

Es ist doch herrlich, wenn man mal allein sein kann. Gestern waren wir mit Ahlersmeyers auf dem Waldfrieden, wo es sehr interessant war. Ich sah zum ersten Mal Leutnant M. (Satz eingeschoben CL). Vorige Woche war schon mal mit Frau Ahlersmeyer dort. Wie anders ist es da doch jetzt als im vorigen Jahre! … Gestern Mittag 1:44 Uhr fuhren unsere 17ner, die hier zur Ausbildung gelegen hatten, ab. Vor dem Zuge hatten sie ein Schild angebracht mit der Aufschrift: Lieb Vaterland magst ruhig sein, das soll unsere Losung sein! Freudig und tapfer fuhren sie jungen Menschen ab, der schweren Zeit entgegen, alle nur beseelt von dem einen Gedanken: Sieg oder Tod!

Und das werden sie auch halten, ja, die jetzt schon vor dem Feinde geblutet haben, haben es schon gehalten.
Heil Sieg und Rache!

Quelle: Das Tagebuch der Hedwig Stegemann aus Herford im Ersten Weltkrieg (1.1.1914-10.5.1918)

Signatur: Kommunalarchiv Herford, Stadtarchiv Herford, Slg. E 521 (Transkription C. Laue)