Heimatbrief Nr. 2 von Pfarrer Johannes Meyersieck (Oetinghausen), 28.9.1914

Brief Nr. 2
Oetinghausen, den 28. September 1914

Liebe Kameraden!

Drei Wochen sind vergangen, seitdem ich den ersten Gruß aus der Heimatkirche Euch sandte. Es dauerte erst eine Zeitlang, bis ich alle Adressen einigermaßen vollständig hatte, so hat sich für manche der Gruß verspätet. Von nun ab sollt Ihr ihn nach Möglichkeit alle 14 Tage erhalten, zumal nach allem, was man hört, an Feldpredigern draußen Mangel ist. Und ich glaube, wenn Ihr es bisher noch nicht wußtet, jetzt wißt Ihr, was ein Brief aus der Heimat wert ist.
Herrliche Erfolge [Meyersieck erinnert hier offensichtlich an die deutschen Erfolge der ersten sechs Kriegswochen, darunter insbesondere die Abwehr der französischen Offensive gegen Elsaß und Lothringen, die Besetzung von Lüttich, Brüssel und Antwerpen, den Vormarsch bis Paris sowie vor allem die Schlacht bei Tannenberg] habt Ihr z[um] Teil gesehen, aber auch ungeheure Strapazen ertragen u[nd] harte Entbehrungen durchgemacht u[nd] bei dem allen viel Grauenhaftes und Furchtbares erlebt. Da wird nicht nur Euer Körper nach Ruhe und Stärkung, sondern auch die Seele oftmals nach Erfrischung lechzen. Wie wohl tut in solchen Augenblicken ein Gruß von Euren Lieben, ein klein wenig Heimatluft. Hoffentlich habt Ihr inzwischen alle mehr wie eine Nachricht von Hause erhalten, so werdet Ihr wissen, wie es da aussieht, und habt vielleicht auch das eine oder andere aus der Gemeinde erfahren.
Bisher hat Gott gnädig seine Hand über die Kämpfer aus unseren beiden Gemeinden gehalten. Von fast 120 Vaterlandsverteidigern sind, wie wir wissen, bis jetzt noch keine gefallen, freilich etwa schon 10-12 verwundet, doch zumeist leicht. Einer von ihnen ist gestern schon wieder zur Front abgerückt. Aus Hiddenhausen ist Hauptmann v. Consbruch [Oscar v. Consbruch, gefallen am 28. August 1914] und Lehrer Decius [Carl Decius, gefallen am 24. August 1914] gefallen, auch unser Amtmann [dem „Amt Herford-Hiddenhausen“ stand von 1896 bis 1922 Amtmann v.d. Schulenburg vor] hat einen Sohn, einen Freund des Prinzen Joachim [Prinz Joachim v. Preußen, geb. am 17. Dezember 1890, Sohn von Kaiser Wilhelm II.], verloren. Wer von Euch noch verwundet werden sollte, dem wünsche ich, daß er dasselbe Glück hat, wie es 3 Verwundete unter Euch schon gehabt haben, daß Ihr in eins der in Herford errichteten Lazarette oder in das von den Gemeinden unseres Amtes ausgerüstete Vereinslazarett in Schweicheln überführt werdet. [Schon gleich nach Kriegsbeginn waren mehrere große Lazarette, von Zivilärzten mit betreut, in der Stadt Herford und in unmittelbarer Nähe eingerichtet worden. Sie konnten etwa 500 Verwundete aufnehmen. „Tausende von (…) Soldaten aus ganz Deutschland fanden hier durch sechs Jahre hindurch (…) ihre Gesundheit wieder.“ (Rainer Pape, Sancta Herfordia, Herford 1979, S. 281 f.). Das hier erwähnte befand sich im sog. „Eickhof“ in Schweicheln, einem ehemaligen Gutshof, der erst 1910 von Bethel übernommen und zum Waisenkinderheim umgebaut worden war. Als diakonische Einrichtung besteht der Eickhof noch heute.]
Schönes Wetter hat uns der liebe Gott in den letzten Wochen geschenkt. Wir freuen uns dessen für die Kartoffelernte u[nd] die Landbestellung – denkt Ihr wohl daran, daß wir am Sonntag d[as] Erntedankfest feiern? – aber auch für Euch, dürfen wir noch eher hoffen, daß Ihr trocken kämpfen dürft. Freilich in den Nächten wirds schon schlimm kalt sein u[nd] mit jedem Tage kälter werden, aber damit Ihr Euch gegen die Kälte schützen könnt, arbeiten an jedem Dienstag Abend ca. 80 Frauen und Jungfrauen, um neben der Versorgung der Verwundeten Strümpfe, Leibbinden, Pulsund Ohrenwärmer für die Kämpfer da draußen herzustellen.
(Die Lippinghauser sind noch fleißiger und kommen auch Freitags noch zu diesem Zweck zusammen).
Aber nicht wahr, neben diesen leiblichen Bedürfnissen, neben den Nachrichten aus d[er] irdisch[en] Heimat habt Ihr noch anderes nötig, 1 Gruß aus d[er] himmlischen Heimat. Mein Bruder, der in der Schlacht bei Tannenberg leicht verwundet wurde [Schlacht bei Tannenberg vom 26. bis 31. August 1914; die Generäle Hindenburg und Ludendorff zerschlugen mit ihren Truppen die Zweite Russische Armee in Ostpreußen], jetzt aber wieder im Felde steht, schrieb mir vor 14 Tagen, als er gehört hatte, daß ich mich zum Feldprediger gemeldet hätte (ich bin aber abgewiesen):
„Du kannst in dieser Stellung dem Vaterland direkt 1 unglaublich großen Dienst tun, denn als Unteroff[i]z[ier], denn der Soldat, d[er] mit Gottvertrauen i[ns] Feld geht, ist auch i[m] Feuer mehr wert als ohne dasselbe. Dazu kommt die verrohende Wirkung d[es] Krieges, der mit allen Mitteln entgegengewirkt werd[en] muß, wenn wir uns[er] Schild rein bewahren wollen. D[er] Krieg bringt viele edle Eigenschaften: Kameradschaft usw. zur Entfaltung, das ist erhebend, aber bei weitem mehr wird doch d[as] Tier i[m] Menschen genährt, wenn nicht Gottes Wort seine Kraft übt“;
dem werdet Ihr gewiß auch aus eigener Erfahrung zustimmen können und darum auch diesmal gern nach Blättern greifen, die ich Euch sende u[nd] die sich nicht an das Tier im Menschen, sondern an das Ebenbild Gottes in Euch wenden.

Euer Heimatpastor Meyersieck.

Quelle: Feldpostbriefe von Pastor Johannes Meyersieck aus Oetinghausen.

Lit.: Ulrich Rottschäfer (Hg.): „Wir denken an Euch“. Feldpostbriefe eines ravensbergischen „Heimatpastors“ im Ersten Weltkrieg, Bielefeld 2011.

Signatur: LkA EKvW 4.53 (Archiv der Ev. Kg. Hiddenhausen), Nr. 958

Advertisements