Sammler-Armbinde für U-Boot-Spende/Opfer-Tag, 1917

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Der am 1. Februar 1917 von Deutschland begonnene uneingeschränkte U-Boot-Krieg führte zum Kriegseintritt der USA am 6. April 1917. Um die anfangs des Krieges noch unbedeutende U-Boot-Flotte finanziell zu unterstützen, fand vom 1. bis 3. Juni 1917 eine reichsweite Spendensammlung auch in Bielefeld statt.

(Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld)

Signatur: Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Sammlung Militärgeschichte, Nr. 360

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Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Hartmann (Rödinghausen), 1.2.1917

Heller Frosttag. Südostwind. Von der Goldsammelstelle kommen zwei Anerkennungsblätter für Ewald Pöhl & Enno. Steuerzahlung. Besuch bei Sievers. Die Fabrik, weil erst 1915 gegründet, soll aufgehoben werden wie alle erst im Kriege begonnenen Betriebe. Besuch bei C. Beinke auf dessen Sortierraum & in dessen umgebauten Wohnräumen. Er muß im Kriege eine riesige Einnahme gehabt haben. – Die Post bringt Nachricht von dem mit 1. Febr[uar] verschärften U-Bootkriege: Gott helfe, daß der Gebrauch dieser Waffe wirklich die Feinde zum Frieden zwingt. Roland schreibt, daß vom 20/1 bis 19/2 Urlaubssperre sei. Alle Urlauber sind zurück berufen.

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Ernst Hartmann, Kirchengemeinde Rödinghausen, S. 128/01.02.1917

Signatur: LkA EKvW Best. 4.31 Abt. B HS 2 (Quelle); LkA EKvW W 15193 (Transkription)

Das Scheitern der Friedensinitiativen im Vorfeld des Kriegseintritts der USA 1917

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Aufruf Kaiser Wilhelm II. „An das deutsche Volk“ vom 12.1.1917 (Signatur: LAV NRW OWL D 81 Nr. 7)

Plakat mit dem Titel: Aufruf Kaiser Wilhelm II. „An das deutsche Volk“ vom 12.1.1917
Maße: 46 x 31 (H/B)
Signatur: LAV NRW OWL (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen Abteilung Ostwestfalen-Lippe) D 81 Nr. 7

Plakattyp: Bekanntmachungsplakat
(aus Bestand Regierungsakten LAV NRW OWL L 75 XIII Nr. 3, 1 weiteres Exemplar)

Beschreibung:
Eine zornige Frau mit erhobenem Schwert steht vor einer zornigen Volksmasse; im Hintergrund ist ein großer fliegender Adler zu sehen. Die Blicke der Masse, des Greifvogels und der Frau sind in die Richtung des Betrachters, in die Ferne, ausgerichtet

Inhalt:
Kaiser Wilhelm II. wendet sich an das deutsche Volk. Er erklärt, dass die Feinde Deutschlands demaskiert seien, indem sie das Friedensverhandlungsangebot des Deutschen Reiches abgelehnt und nunmehr den Vereinigten Staaten von Amerika gegenüber ihre Kriegsziele eröffnet haben, die er als „Eroberungssucht“ bewertet und „schändlich“ nennt.
Es folgen eine Erinnerung an die Tapferkeit und die Siege der Truppen sowie der Aufruf zum weiteren Kampf und dem Erdulden der Opfer mit der Aussicht auf einen Sieg mit Hilfe Gottes.

Transkription:

An das deutsche Volk!
Unsere Feinde haben die Maske fallen lassen. Erst haben sie mit Hohn und mit heuchlerischen Worten von Freiheitsliebe und Menschlichkeit unser ehrliches Friedensangebot zurückgewiesen. In ihrer Antwort an die Vereinigten Staaten haben sie sich jetzt darüber hinaus zu ihrer Eroberungssucht bekannt, deren Schändlichkeit durch ihre verleumderische Begründung noch gesteigert wird.
Ihr Ziel ist die Niederwerfung Deutschland, die Zerstückelung der mit uns verbündeten Mächte und die Knechtung der Freiheit Europas und der Meere unter dasselbe Joch, das zähneknirschend jetzt Griechenland trägt.
Aber was sie in dreißig Monaten des blutigen Kampfes und des gewissenlosen Wirtschaftskrieges nicht erreichen konnten, das werden sie auch in aller Zukunft nicht vollbringen.
Unsere glorreichen Siege und die eherne Willenskraft, mit der unser kämpfendes Volk vor dem Feinde und daheim jedwede Mühsal und Not des Krieges getragen hat, bürgen dafür, daß unser geliebtes Vaterland auch fernerhin nichts zu befürchten hat.

Hellflammende Entrüstung und heiliger Zorn
werden jedes deutschen Mannes und Weibes Kraft verdoppeln,

gleichviel, ob sie dem Kampf, der Arbeit oder dem opferbereiten Dulden geweiht ist.
Der Gott, der diesen heiligen Geist der Freiheit in unseres tapferen Volkes Herz gepflanzt hat, wird uns und unseren treuen, sturmerprobten Verbündeten auch den vollen Sieg über alle feindselige Machtgier und Vernichtungswut geben.

Großes Hauptquartier, 12. Januar 1917.                 Wilhelm I.R. [Imperator Rex (lat.), Kaiser und König]

Vor dem Kriegseintritt der USA am 6. Februar 1917 scheiterte die Friedensinitiative Präsident Wilsons und der „uneingeschränkte U-Bootkrieg des Deutschen Reiches begann, auf den die Kriegserklärung der USA folgte, deren Eingreifen sich kriegsentscheidend auswirkte.

Unmittelbarer Hintergrund des Plakates ist die amerikanische Friedensinitiative von 1916, der die Mittelmächte mit einer eigenen Friedensinitiative zuvorkommen wollten. Am 12.12.1916 verlas der im Reich stark unter Druck geratenen Reichskanzler Bethmann-Hollweg das Angebot des vor dem Deutschen Reichstag. Die Vorschläge der Reichsregierung betonten ausdrücklich die Verhandlungsbereitschaft aus einer Position der Stärke heraus und bleiben vage in Bezug auf die konkreten Zugeständnisse. So stellten sie die im Septemberprogramm von 1914 beinhalteten Annexionsziele des Deutschen Reiches in keiner Weise in Frage und sahen auch keine nennenswerte Rückgabe eroberten Gebietes vor. Die Friedensinitiative wird häufig als Versuch gewertet, die noch neutralen USA möglichst aus dem Krieg herauszuhalten und den bereits geplanten, am 1.2.1917 seitens des Deutschen Reiches beginnenden, uneingeschränkten U-Bootkrieg propagandistisch vorzubereiten und mit der mangelnden Friedenswilligkeit der Entente zu begründen. Das Angebot wurde von der Entente bereits am 30.12.1916 als nicht ernst zu nehmen und auf  unzutreffenden Grundannahmen basierend abgelehnt.

Am 5.1. 1917 rief Kaiser Wilhelm II. in seiner Neujahrsbotschaft seine Truppen zu unvermindertem Kampf auf. Die Entente-Mächte unterbreiteten ihre Ziele am 10.1.1917. Frankreich wollte die Rückgabe Elsass-Lothringens; es stellte sich daneben die Zerschlagung  („écrasement“) des Deutschen Reiches vor, während Großbritannien die Wiederherstellung Belgiens forderte, daneben die deutsche „Weltmachtpolitik“ beenden wollte durch die Zerstörung der Flotte, die Aufteilung der Kolonien und die Beschränkung des deutschen Anteils am Welthandel. Auf diese Ziele der Alliierten verweist der Texts des Propagandaplakates ausdrücklich.

Das Verhältnis zu den USA wurde seitens Deutschlands durch das sogenannte Zimmermann-Telegramm an Mexiko vom 17.1.1917 stark unterminiert, das Mexiko deutsche Unterstützung gegen die USA anbot. Auch das Beharren des Deutschen Reiches auf den Einsatz von Tausenden von Belgiern als Zwangsarbeiter war ein dauerndes Thema der Auseinandersetzung neben den Angriffen der deutschen U-Boote auf amerikanische Schiffe. Mit seiner Rede vom 22.1.1917 hatte Wilson vor dem in der Mehrheit der Neutralität geneigten Kongress einen „Frieden ohne Sieg“ gefordert. Allerdings hatte er zu dem Zeitpunkt bereits die Alliierten durch Lieferungen unterstützt. Am 26.1. unterbreitete Wilson ein weiteres Angebot, das alle Kriegsführenden auf einer gemeinsamen Konferenz zu Gesprächen zusammenbringen sollte. Am 28.1.1917 lehnte die deutsche Regierung Wilsons Friedensbotschaft ab, die Entscheidung für den U-Bootkrieg war gefallen. Heeresleitung und Politiker waren überzeugt, dass ein Kriegseintritt der USA nicht kriegsentscheidend sein würde, da man meinte, die Truppentransporte kämen nicht bis Europa durch und man sei in der Lage, England bis zum Sommer mittels des Einsatzes der U-Bootwaffe zu besiegen und zum Frieden zu zwingen.

Der Hinweis auf Griechenland bezieht sich auf den Einmarsch der Alliierten 1915, der auf keine nennenswerten Widerstände des mit den Mittelmächten sympathisierenden Landes stieß, das sich  ab 1917 den Alliierten zuwandte. Der Hinweis auf den „Wirtschaftskrieg“ verweist auf die Seeblockade der englischen Home Fleet, die den Mittelmächten den Nachschub durch Importe abschnitt. Diese Blockade wurde bald „Hungerblockade“ genannt und war ein weiteres Argument für den „uneingeschränkten U-Bootkrieg“.

Symbolik: Der Adler kann als Repräsentant des Reichsadlers und damit einer Verkörperung Deutschlands gewertet werden. Dies gilt ebenso für die dargestellte Frau als Symbol der Germania, ein weit verbreitetes Symbol, das sowohl in der politischen Karikatur des 19. Jahrhunderts weit verbreitet war und sich zum Beispiel im Niederwalddenkmal bei Rüdesheim am Rhein (1871, in Gedenken an den Sieg über Frankreich) großer Popularität erfreute. In Bezug auf ein Auftreten weiblicher Verkörperung von Tugenden oder Nationen in Zeiten der Bedrohung stellt diese Figur ein typisches Gestaltungselement dar.

Bearbeitung: Heike Fiedler M.A. Archivpädagogin, mit Unterstützung von Dr. Hermann Niebuhr, Landesarchiv NRW Abteilung OWL

Link zum Angebot des Archivpädagogischen Dienstes der Abteilung Ostwestfalen-Lippe in Detmold

Weiterführende Literatur/ Internetquellen:

  • Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914-1949. München 2003, S. 26-38; S. 39-47; S. 117 f.; S. 167 ff..
  • Hirschfeld, Gerhard/ Krumeich, Gerd / Renz, Irina (Hg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn, München, Wien, Zürich 2009, S. 508-512.
  • Brandt, Bettina: Germania und ihre Söhne. Repräsentation von Nation, Geschlecht und Politik in der Moderne. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2010.
  • www.dhm.de/lemo/html/1916

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Hartmann (Rödinghausen), 20.11.1916

Montagsarbeit. Schneeräumen vom Boden. Tauwetter. Monastir verloren! U[-Boot] „Deutschland“ gezwungen in den Ausgangshafen zurückzukehren wegen des Zusammenstoßes mit dem Schleppdampfer „Neckar“, der untergegangen ist. Die Nahrungsmittel werden so knapp & ich kann mich so schwer an die grobe Kost gewöhnen; werde es aber noch lernen müssen. Gott helfe unserm teuren Vaterlande & helfe mir, mich zu demütigen und stark zu werden!

Besuch bei Pörtner in Spelsiecks Kotten. Er ist in Urlaub aus Nähe von Riga spricht sehr abfällig über die Gründung Polens. Die Polen würden bei der ersten Gelegenheit zu unsern Feinden übergehen. Ich bekomme einen Brief von Musk[etier] Steube 6/67 zurück: „Vermißt“. Wird er sich haben gefangen nehmen lassen? Wie viel leichter läßt es sich doch singen & sagen: „und was nicht bebte war der Preußen Mut“ als tun. Buß & Bettag.

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Ernst Hartmann, Kirchengemeinde Rödinghausen, S. 118/20.11.1916

Signatur: LkA EKvW Best. 4.31 Abt. B HS 2 (Quelle); LkA EKvW W 15193 (Transkription)

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Hartmann (Rödinghausen), 29.8.1916

Konf[irmanden-]Unterricht. Ich weise auf den großen Ernste der Lage unsers Vaterlandes hin. Und leider ist das  nur zu berechtigt. Es wird aller Verkauf von Steinöl verboten!! Ob die Flieger & die U. Boote genug haben? Wie wir auskommen sollen ohne Steinöl weiß ich nicht. – Gott seis befohlen!

Aus dem Kriegstagebuch von Pfarrer Ernst Hartmann, Kirchengemeinde Rödinghausen, S. 108-109/29.08.1916

Signatur: LkA EKvW Best. 4.31 Abt. B HS 2 (Quelle); LkA EKvW W 15193 (Transkription)

Der Herforder „Seeheld“ Otto Weddigen (1882-1915)

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Otto Weddigen in Uniform 1914

Der am 15. September 1882 geborene Herforder Fabrikantensohn Otto Weddigen wird zum ersten Herforder „Helden“ des Ersten Weltkriegs. Am 22. September 1914 versenkte er als Kommandant des U-Bootes U 9 nördlich von Hoek van Holland innerhalb von 75 Minuten die drei britischen Panzerkreuzer Aboukir, Hogue und Cressy. Etwa 1500 britische Marinesoldaten starben, 800 wurden von einem britischen Fischerboot und niederländischen Passagierdampfern gerettet.

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Englische Ansichtskarte der Versenkung der englischen Kreuzer

Das U 9 kehrte ohne Verluste nach Helgoland zurück. Diese Aktion Weddigens etablierte die U-Boot-Flotte als wichtiges Mittel der Kriegsführung im Ersten Weltkrieg.

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Das U-Boot U 29 kurz vor der Versenkung 1915

Unterseeboot „U 29“ Kommandant K[a]p[i]t[än]l[eunan]t Otto Weddigen,
torpediert an der Südostspitze Englands, nahe den Scilly Inseln
den englischen, mit Kupfer beladenen Transportdampfer „Headlands“

Aufgenommen am 12.3.1915 v[on] d[em] Kapitän der „Headlands“.

Otto Weddigen wurde im deutschen Kaiserreich als Kriegsheld gefeiert, erst Manfred von Richthofen erreichte später ähnliche Berühmtheit. Die Stadt Herford ernannte ihn am 9. Oktober 1914 zum Ehrenbürger. Sein früher Tod am 18. März 1915, er starb als Kommandant des U-Bootes U 29 zusammen mit seiner gesamten Mannschaft beim Untergang, steigerte die Verehrung weiter. Am 18. April 1915 fand in Herford die Gedächtnisfeier für Otto Weddigen statt. In der Weimarer Republik, gesteigert erneut in der NS-Zeit, aber auch nach 1945 blieb er im Gedächtnis.

An den Ehrenbürger Herfords erinnerte seit 1915 das Otto-Weddigen-Ufer an der Werre, das aufgrund der Vorgaben der britischen Militärregierung 1947 zum Andenken an den Kaufmann Eduard Arnold Weddigen offiziell in Weddigenufer umbenannt wurde, sein Grabmal auf dem Friedhof Hermannstraße, eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus und die Bezeichnung H2O (Herfords zweites Otto) für ein Spaßbad, das an gleicher Stelle wie das 1934 erbaute Herford Otto-Weddigen-Bad errichtet wurde. 1960 und 1916 wurden Reste der torpedierten Schiffe bei Tauchgängen gesichert und geborgen.

KAH F Bergungsgut Cressy

Bergungsgut des 1914 von Weddigen versenkten britischen Kreuzers Cressy 1960/61

In den 1980er Jahren war das Gedenken in Herford – u. a. der „Marinekameradschaft Otto Weddigen“ – sehr umstritten, in der Dissertation von René Schilling, „Kriegshelden“. Deutungsmuster heroischer Männlichkeit in Deutschland 1813-1945, Paderborn 2002 wurde die Diskussion um den Helden nochmals ausführlich dargestellt. Eine große Präsenz hat Weddigen im Alltag nicht mehr. Seit kurzem beschäftigt sich ein niederländischer Forscher mit dem Geschehen und lädt zum Tag der „Heldentat“ die Nachkommen Weddigens und seiner Opfer aus England zu einem Treffen ein (vgl. www.livebaitsqn-soc.info, Stand 18.6.2014).

KAH F Bergung Aboukir 1960 61

Bergung von Resten des 1914 von Weddigen versenkten britischen Kreuzers Aboukir 1960/61

(Christoph Laue, Stadtarchiv Herford)

Signatur: Kommunalarchiv Herford, Fotosammlung Städt. Museum Herford (Weddigen)