„Ein furchtbar Schrecknis ist der Krieg“ – Das Herforder Augusterlebnis 1914

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Herforder Kreisblatt, 31.07.1914, Setzung in den Zustand der drohenden Kriegsgefahr (Kommunalarchiv Herford, Zeitungssammlung)

Vor 100 Jahren, im August 1914 zogen die Deutschen begeistert in den Ersten Weltkrieg. Später sprach man vom „Augusterlebnis“, einem rauschhaften, alle Bevölkerungskreise ergreifenden nationalen Erweckungserlebnis. Dieses Bild wurde lange in Schule und Geschichtsbuch vermittelt. Neuere Untersuchungen sprechen eine andere Sprache. Die Reaktionen auf Kriegserklärung und Mobilmachung unterlagen starken Schwankungen: Erwartung und Ernüchterung, Hochstimmung oder Zukunftsangst, Euphorie und Panik lagen dicht beieinander.

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Herforder vor dem Verlagsgebäude des Herforder Kreisblatts in der Mönchstraße in Herford bei der Ausgabe der Mobilmachungsbekanntgabe (Kommunalarchiv Herford, Fotosammlung Städt. Museum)

Dieser Wechsel von Trara und Tristesse lässt sich vor allem bei einem Blick in die Lokalzeitungen erkennen. Da die Presse staatlicher Zensur unterlag, muss zwischen den Zeilen gelesen werden. So erinnerte am 31. Juli 1914 eine Herforder Zeitung selbst an ihre Pflicht, positive Stimmung zu machen: „Es gab einen deutlichen Vorgeschmack von der Stimmung, die beim eventuellen Ausbruch eines Kriegs herrschen würde. Wir haben nicht nur bis zum Höchstmaß erregte Männer und Jugendliche erblickt, wir haben auch Frauen und Mädchen erblickt, denen die blasse Furcht anzusehen war, wir haben solche, die ob begründet oder nicht, weinten und sich nicht beruhigen lassen wollten, weil sie glaubten, es müsse doch schief gehen. Deutlichere Hinweise, manche Zeitungen an ihre erste Pflicht zu erinnern, bedarf es wohl nicht.“

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Herforder Zeitung für Stadt und Land, 1.8.1914, Mobilmachung (Kommunalarchiv Herford, Zeitungssammlung)

Die Redakteure waren so zugleich Propagandisten, sie beruhigten die Leser am 31. Juli 1914: „Die Setzung in den Kriegszustand ist an sich noch keine Mobilmachung“, gaben als glaubwürdige Chronisten aber auch die wahre Stimmung wieder: „Wohl hielt gestern in Herford einen Begeisterung der Einwohner an, wohl hörte man überall stolze, selbstbewußte echte deutsche Worte, aber hinein klang doch etwas, das an den großen Ernst der Stunde mahnte und eine bangende, aber fürchterliche Bestätigung der Schillerschen Worte bot. ‚Ein furchtbar Schrecknis ist der Krieg.’ Die Wirkung der Bekanntmachung war überraschend. Waren die Straßen vorher noch verhältnismäßig leer gewesen, so strömten jetzt die Massen dicht dahin. In der allgemeinen Stimmung vollzog sich kein Wandel, aber edle Begeisterung machte dem Zweifel Platz. Wer die Stadt durchwanderte, sah keine lärmenden, aber ruhig-fröhliche Menschen…“.

Auch nach den Extrablättern über die Mobilmachung am 1. August zeigte die Presse die zwei Seiten des Augusterlebnisses. Begeisterung: „Da, zehn Minuten vor 7 Uhr zerreißt ein Schrei die Luft, in dem die aufgespeicherte Stimmung sich erklärt – Die Meldung der Mobilmachung ist da! – Wie ein Aufatmen geht es durch die Menschenmengen …“ und Ernüchterung: „In den Kirchen standen die Andächtigen dicht gedrängt. … Den Frauen, Müttern, Jünglingen, Mädchen hielt Pastor Wilmans eine ergreifende Predigt. In der Kirche hörte man Schluchzen und Weinen. Eindringlich und packend wusste der Prediger die Geister zu erheben…“

Die echten Sorgen zeigten sich eher in den kleinen Meldungen. Die „zurückbleibenden“ Angehörigen der Soldaten „haben da dieselben Tugenden zu bewähren, wie der Krieger: Ruhe, Selbstzucht und Opferbereitschaft.“ Gegeißelt wurden Hamsterkäufe: „Wenn, wie es in den letzten Tagen vielfach geschah, alles panikartig die Lebensmittelläden stürmt und größere Vorräte einzukaufen sucht. Zu solcher Panik liegt kein Anlaß vor.“ Auch dass „bei den Sparkassen ein verstärkter Andrang und eine umfangreiche Abhebung von Spareinlagen zu erkennen“ ist, wurde kritisiert: „Es gibt unter den Sparern solche, die nicht wissen, dass gerade in Kriegszeiten das Geld nirgends sicherer angelegt ist.“ Die Meldung „Letztwillige Verfügungen sind in den letzten Tagen von einberufenen Mannschaften zahlreich getroffen worden…“, zeigte die Zukunftsangst ebenso wie das Angebot der Münsterkirche zu einem „Abendmahl für ausziehende Krieger“.

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Ausflug nach Paris, das Bild des Augusterlebnisses in den Medien (Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz / Franz Tellgmann)

Am Bahnhof – dem Ort des Abschiednehmens – eskalierte die Situation: „Kopf an Kopf stand die Menge. Als aber kurz vor zehn Uhr der Posten an der Sperre plötzlich scharfe Schüsse abgab, brach ein unbeschreiblicher Tumult los. Man hörte verzweifelte Rufe von Frauen und Mädchen, von denen manche Ohnmachtsanfälle bekamen. Andere krochen eiligst in die am Rorigschen Hause liegenden großen Kanalisationsrohre, wieder andere, wohl die meisten liefen in die Stadt zurück. Und die Ursache? Der Posten hatte auf einen gesichteten Flieger geschossen. Die ungeheure Aufregung der Menge legt sich erst allmählich, fand aber durch allerlei unmittelbar hinterher auftauchendes unsinnige Gerüchte immer neuen Nährboden.“

Der Autor der „Herforder Kriegsskizzen“ am 5. August 1914 ist wieder ein gefühlvoller Chronist, als er über ein Mädchen, das um einen verlorenen Ring weint, berichtet: „Ja den Ring hat sie von ihrem Vater, der mußte weg in den Krieg heute morgen! Mir ging etwas – war es Schreck oder Mitleid – jäh durch die Seele. Ich sah die ganze Nacht im Träume ein blondlockiges Kind vor mir, das mit brennenden Augen den Ring seines fern im Heere weilenden Vaters suchte.“

Auf der anderen Seite wurden auch in Herford die bekannten Bilder der fröhlich in den Krieg ziehenden Soldaten wurden gepflegt „Solche lustige Reisegesellschaft lässt keine trübe Anwandlung aufkommen. Und die Zurückbleibenden werden angesteckt von diesem tollen und tollsten Humor, der in tiefer, edler Liebe zu Kaiser und Reich wurzelt. Wir erleben eine vaterländische Begeisterung ohnegleichen.“

(Christoph Laue, Stadtarchiv Herford)

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