Feldpostbrief von Rudolf Kisker an seine Mutter bzw. Eltern in Bielefeld, 12.3.1916

1915RudolfFamilie

Abb.: Familie Kisker, wahrscheinlich Weihnachten 1915 vor dem Elternhaus am Goldbach 13 (heute Kiskerstraße 13) in Bielefeld. Von links nach rechts: Rudolf Kisker (mit EK II und Flugzeugführer-Abzeichen) mit den Schwestern Gertrud und Marie-Luise (das Nesthäkchen, genannt Miese), in der Mitte die Eltern Georg und Marie Kisker und die Brüder Kurt (in Uniform), Georg und Karl Kisker ganz rechts.

Signatur: Privatarchiv Familie Kisker (Bielefeld), Nr. 282.

Feldpostbrief von Rudolf Kisker an seine Mutter bzw. Eltern in Bielefeld, 12.3.1916

M.[enin] 12./3. 16, Eingang 15.3. morg. Liebe Mutter! Eben glücklich gelandet, bringt mir die Post Deinen lieben Brief vom 10./3. Dank dafür, für Tee – Zwiebäcke u. Kragenknöpfe. Ich kann diesmal wirklich sagen glücklich gelandet, denn wir hatten böse Luftkämpfe. Wir wollten an u. hinter der Front lotrechte Lichtbilder machen, sahen aber als wir 2500 m hoch waren ein feindl. Geschwader von 6 Farman-Apparaten in gleicher Höhe in Gegend Messines die Front überfliegen. Wir drehten natürlich sofort bei und verfolgten die Brüder. (leider hatten wir nur das hintere M.G. mit) Über Lille war ich in 3000 m etwa 300 m über den Feinden. (einer hatte abgedreht.) und griff nun an, flog hart hinter dem (in gleicher Höhe) Letzten senkrecht zu dessen Flugrichtung durch und mein Beobachter konnte fleissig schiessen. Die gemeine Bande klebte aber wie Kletten zusammen und griff, nachdem der Geschwaderführer eine rote Leuchtkugel abgeschossen hatte, gleichzeitig an. Wir haben mächtig auf der Nase geschwitzt und feste gefunkt. Schliesslich konnten wir uns nur durch Flucht in tiefere Schichten retten. Merkwürdigerweise hatten wir nur einen Treffer, obgleich wir so nah zusammen waren, dass ich das Mündungsfeuer sehen konnte. Natürlich hat man im richtigen Augenblick das 2. M.G. nicht da. Vater sende ich ein Stück Stoff von dem franz. Eindecker, mit roter Nationalfarbe von der Kokarde. Ich danke ihm für die letzte Zigarrensendung und bitte, mir keine Zigaretten mehr zu senden, denn für die hat Vater kein Verständnis. Die mir zugedachten sind kaum zu rauchen, es sei denn an der frischen Luft bei Wind. Für das Geburtstagsverzeichnis Dank, hoffentlich hilft es meinem schwachen Gedächtnis nach. An die Vettern vor Verdun und besonders an Back [Spitzname von Rudolf Oetker, dem am 8.3.1916 vor Verdun gefallenen Jugendfreund von Rudolf Kisker] habe ich die Tage viel gedacht. Brauns der am Mittwoch als mein Gast hier war hatte auch Sorgen. Hoffentlich sind die abgeschickten Kragen nicht zu niedrig. Das angegebene Mass war gerade recht. Das Wetter ist heute herrlich warm. Ich sitze im Freien in der Sonne vor unserem Häuschen und schreibe auf den Knien diesen Brief. Nach meinen Plänen wird vor dem Häuschen z. Zt. ein kleiner Garten der sich in’s Gelände verläuft angelegt. Rododenderon (kleine Büsche mit vielen Knospen 70 cm hoch) ebenso Kirschlorbeer bunt und einfarbig haben wir aus Gent in reicher Fülle beschafft. (Stück 50-75 cts.) auch Flieder und kleine Stauden für das „Beet an der Terasse“ sind beschafft. Leider sind meine Pläne nicht ganz bewilligt worden. Ich wollte in den Rasen nur Gruppen setzen, aber nein es müssen runde Beete sein. Wenn es im Sommer blüht sende ich Euch Bilder davon. Nach einigen unangenehmen Zwischenfällen mit dem Hauptmann, die leider fast täglich mit einem oder dem anderen Herren vorkommen, habe ich mich heute früh entschlossen ein klärendes Wort mit ihm zu reden. Ich bin befriedigt. Rückhaltlos habe ich ihm meine Klagen vorgebracht die er zum Teil mehr oder weniger annerkannte. Wir schieden versöhnt und ich hoffe, dass es von nun an besser geht. Das heisst ich muss noch mehr den Mund halten und ich hoffe, dass er auch kameradschaftlicher wird. Ich glaube nicht nur mir genützt zu haben, sondern durch das offene Wort auch der Abt[eilung] im Ganzen gedient zu haben und sehe mit Freuden in die Zukunft. Ich bin heute wirklich sehr zufrieden. Der schöne Tag, der glücklich gelandete Flug und die geklärte Lage mit dem Hauptmann haben mir sehr gut getan. Ich grüsse Euch Alle herzlichst. Dir einen Kuss v. Deinem Sohne Rudolf [P.S.] Eben fällt mir noch ein, dass ich Euch noch garnicht geschrieben habe, dass der neulich abgeschossene Eindecker (nach Focker Art) von einem unserer Herren abgeschossen worden ist. Es ist sicher derselbe Moran[e], der mich so oft gejagt hat. Bei der Verfolgung ist er durch Brustschuss ausser Gefecht gesetzt und bei Wytschaete abgestürzt. Die Masch[ine] ist mit Focker nicht zu vergleichen, die Schussvorrichtung durch den Propeller ist einfach „naiv“ und gegen Focker 50 % schlechter. Erklären kann ich die Einrichtung nur mündlich. Übrigens habe ich das Übel meines Magens erkannt. Boa-constrictor, weiter nichts. Wenn ich bei Tisch 2 mal esse – Magenschmerzen. Ebenso Abends. Also esse ich immer nur einmal aber dafür öfter zwischendurch eine Kleinigkeit. Nun will ich den Brief man wieder einpacken. Es wird auch schon kühl, da sich die Sonne verkriecht.

Vgl. Feldpost von Rudolf Kisker mit Stoffbahn eines abgeschossenen französischen Flugzeugs

Signatur: Privatarchiv Familie Kisker (Bielefeld), Nr. 194.

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