Einweihung des Denkmals „Verwundeter“ auf dem Bielefelder Johannisberg

Das Denkmal „Verwundeter“, das sich auf dem Bielefelder Johannisberg befindet, geht auf eine im Jahr 1920 erfolgte Stiftung des Bielefelder Textilunternehmers und Leinenfabrikanten Georg Kisker (1862-1948) zurück. Vier Jahre zuvor, am 29. Juli 1916, war sein zweitältester Sohn Rudolf im Luftkampf bei Ypern gefallen. Für ihn und alle anderen Soldaten, die im Weltkrieg den „Heldentod fürs Vaterland“ gestorben waren, sollte ein „Kriegerehrenmal“ errichtet werden. Den Auftrag für das Werk bekam der in Bad Kreuznach geborene Künstler Emil Cauer d. J., der einer Bildhauer-Dynastie entstammte und in Berlin ansässig war.

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Abb.: Fotos vom Denkmal „Verwundeter“ auf dem Bielefelder Johannisberg, 2015 (Fotos: Eva-Maria Hartmann)

Am 26. November 1922, einem Totensonntag, fand die feierliche Einweihung des Denkmals statt. Der Aufstellungsort auf dem Johannisberg wurde von der Bielefelder Schützengesellschaft zur Verfügung gestellt, deren nahe gelegenes Schützenhaus im Krieg als Militärlazarett verwendet worden war.

Das Thema der Kriegsverletzung wird motivisch von Cauers Denkmal aufgegriffen: Es stellt einen knienden Soldaten dar, der am Kopf verletzt wurde und sich selbst einen Verband anlegt. Durch seine Verwundung wird der Soldat zwar beeinträchtigt, er ist jedoch weiterhin kampfbereit und keineswegs besiegt. Diese Aussage des Denkmals lässt sich als Bereitschaft zur Revision der Niederlage im Ersten Weltkrieg deuten.

Im Unterschied zum Original, das im rheinland-pfälzischen Bad Sobernheim vor dem Rathaus steht und aus Bronze gefertigt ist, besteht die Bielefelder Skulptur aus Muschelkalk- aus dem gleichen Material wie der Johannisberg – und ist etwas kleiner.

Zur Zeit des Nationalsozialismus fanden an dem Kriegerdenkmal Heldengedenkfeiern statt.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat der „Verwundete“ wechselvolle Zeiten hinter sich. Durch eine Ergänzung der Sockelinschrift im Jahr 1955 wurde das Andenken auf die Gefallenen der Jahre 1939 bis 1945 erweitert. Die Skulptur wurde wiederholt beschädigt: Unter anderem wurden der Kopf und die Hände bzw. Arme des Soldaten mehrfach von Unbekannten entfernt. Zu einer „Köpfung“ des Soldaten bekannte sich im Jahr 1995 eine „Antifaschistische Einheit Eberhard Arnold“ (Neue Westfälische vom 1.2. 1995).

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Abb.: Gipsabdruck des Kopfes (Foto: Eva-Maria Hartmann)

Die jüngste, erstmals originalgetreue Restaurierung des Denkmals wurde von dem Bielefelder Bildhauer Christian Stiesch im Jahr 2011 durchgeführt. Diese fachgerechten Arbeiten sowie eine Versetzung des Denkmals an seinen jetzigen, mittlerweile dritten Standort auf dem Johannisberg wurden von Wilken Kisker, dem Urenkel des Stifters, finanziert. Dieser hatte sich eingeschaltet, nachdem die Skulptur im Rahmen der Umgestaltung des Johannisbergs an eine denkbar ungeeignete Stelle versetzt worden war: an die Straße zum Hotel „Park Inn“, direkt vor dem Werbeschild des Hotels. Die Stadt Bielefeld zeigte sich gesprächsbereit und der „Verwundete“ konnte nach der Restaurierung an seinem heutigen Standort auf einer Wiese an der „Roteichen-Allee“ aufgestellt werden.

Im März 2015 wurde dort eine Pulttafel installiert, auf der sich Interessierte über die Denkmalgeschichte informieren können. Die Tafel gehört zu einem neuen Informationssystem, das an zentralen Stationen an die Geschichte der Parkanlagen auf dem Johannisberg erinnern soll.

(Eva-Maria Hartmann, Privatarchiv Familie Kisker, Bielefeld)

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